Autonomous versus Sovereignty


Die aggressive Transformationstaktik des Walldorfer Softwarekonzerns zwingt SAP-Bestandskunden derzeit in einen architektonischen und kaufmännischen Richtungsstreit, bei dem die viel gepriesene Cloud-Utopie bei kritischer Betrachtung tiefe Risse offenbart. Wenn wir die Betriebsmodelle für ECC 6.0 und S/4 analysieren, entpuppt sich die von SAP präferierte Public Cloud für die Mehrheit meiner Stammtischschwestern und -brüder als weder vernünftig noch wirtschaftlich und schon gar nicht als Garant für digitale Souveränität.
Eine Umfrage der internationalen Anwendervereine, allen voran der DSAG, belegt, dass die Public Cloud im komplexen ERP-Umfeld ein Randphänomen bleibt, das operativ bei lediglich einem bis sechs Prozent liegt, während 78 Prozent der Unternehmen auf hybride On-prem- und Cloud-Landschaften setzen. Die Auslagerung des geschäftskritischen Herzstücks eines Unternehmens zu globalen Hyperscalern aus den USA birgt hinsichtlich der Souveränität massive Risiken, da Gesetzeswerke wie der US Cloud Act europäische Datenschutzrichtlinien (DSGVO) aushebeln können. Die Private Cloud bietet zwar mehr architektonischen Spielraum, bedeutet aber bei einem Betrieb durch SAP (Rise with SAP) dennoch den Gang in ein starres Subskriptionskorsett, weshalb der klassische On-prem-Betrieb für über die Hälfte der Bestandskunden weiterhin das strategische Mittel der Wahl bleibt.
Glücklicherweise sind SAP-Bestandskunden diesem Cloud-Diktat nicht wehrlos ausgeliefert, denn es existieren hochgradig potente und souveräne Alternativen abseits der reinen SAP-Cloud-Doktrin. Anstatt sich in einen weitreichenden Vendor-Lock-in zu begeben, setzen aufgeklärte CIOs auf Konzepte wie das Composable ERP, bei dem ein stabiler On-prem-Kern über unabhängige Integrationsplattformen wie Boomi mit Best-of-Breed-Lösungen flexibel orchestriert wird. Eine weitere exzellente Alternative bieten On-prem-Cloud-Modelle wie HPE GreenLake, die es ermöglichen, die Elastizität, das Pay-as-you-go-Abrechnungsmodell und die Agilität der Cloud direkt in das eigene, physisch kontrollierte Rechenzentrum zu holen, womit die digitale Souveränität kompromisslos gewahrt bleibt, ohne auf moderne Cloud-Funktionalitäten verzichten zu müssen. Für Unternehmen, die den künstlich erzeugten Zeitdruck der S/4-Migration durchbrechen wollen, positionieren sich zudem Drittwartungsanbieter wie Rimini Street als strategische Befreier, die den Lebenszyklus stabiler ECC-6.0-Systeme kosteneffizient verlängern.
Ein zentrales Narrativ des SAP-Marketings lautet, dass künstliche Intelligenz und autonome KI-Agenten zwingend das Cloud Computing der SAP voraussetzen, was bei genauer Prüfung jedoch als plumpe vertriebliche Desinformation entlarvt wird. Technisch betrachtet benötigt künstliche Intelligenz lediglich strukturierte Daten, Rechenleistung und Algorithmen. Pioniere der Agentic AI, wie beispielsweise Nova Intelligence, beweisen eindrucksvoll, dass autonome KI-Agenten historischen SAP-Custom-Code analysieren und Clean-Core-konform transformieren können, indem sie die Semantik der SAP-Architektur nativ entschlüsseln, und zwar völlig unabhängig von den kommerziellen Cloud-Vorgaben der Walldorfer.
Die Haltung der SAP zu KI und On-prem glich in der jüngeren Vergangenheit jedoch einer offenen Erpressung der eigenen Kundschaft. Im Sommer 2023 verkündete SAP-Chef Christian Klein, dass revolutionäre Neuerungen wie der KI-Assistent Joule oder der Green Ledger ausschließlich Kunden mit Rise- oder Grow-Cloud-Verträgen zugänglich gemacht würden, womit treue On-prem-Kunden de facto von der technischen Evolution abgeschnitten werden sollten. SAP-Vorstandsmitglied Thomas Saueressig diffamierte den Versuch, moderne KI-Dienste mit lokalen On-prem-Systemen zu verbinden, in einem Interview sogar als veraltete „Frankenstein-Architektur“. Erst nach massiven Protesten und einem beispiellosen Vertrauensverlust ruderte SAP teilweise zurück und ermöglichte unter strikten vertraglichen Auflagen vereinzelt KI-Nutzungen für On-prem-Kunden, wobei der politische Druck in Richtung Cloud-Zwang ungemindert bestehen bleibt. Welche Änderungen dahingehend nun die Sapphire 2026 Orlando gebracht hat, werde ich mit meinen SAP-Stammtischschwestern und -brüdern auf unserem Sommerfest diskutieren.
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