Innovation und Orientierung


SAP ist zu einem Weltkonzern herangewachsen, weil Hasso Plattner und Freunde komplexe Geschäftsprozesse, den Single Point of Truth und die unternehmerische Aufbau- und Ablauforganisation besser als jeder andere in Software gießen konnten.
Aktuell drängt sich jedoch der Verdacht auf, dass der ERP-Weltmarktführer unter der Führung von CEO Christian Klein primär globalen IT-Megatrends hinterherfährt, anstatt marktdominierende Visionen aus eigener Kraft zu kreieren. Statt den SAP-Bestandskunden eine klare, strategische Road-map für ein zukunftsfähiges Enterprise-Betriebssystem aufzuzeigen, flüchtet sich das Management in ein geradezu inflationäres Buzzword-Bingo rund um Cloud, KI, Agentic AI und Quantencomputing.
Das aktuelle Engagement der SAP im Bereich der künstlichen Intelligenz gleicht oftmals einem hastig aufgetragenen Zuckerguss, der über das gesamte Portfolio geschüttet wird, um den Finanzanalysten an der Börse eine fortschrittliche Tech-Company zu präsentieren. Bei schonungsloser Betrachtung offenbart sich jedoch, dass SAP in Kernbereichen der generativen KI keine dominierende Eigenentwicklung vorantreibt, sondern stark auf Kooperationen angewiesen ist. Wenn es um revolutionäre Ansätze wie Agentic AI oder ein Composable ERP geht, bei dem Anwender flexibel die besten KI-Agenten verschiedener Hersteller kombinieren, warnt der SAP-Vorstand die eigene Community gar vor einer gefährlichen „Frankenstein-Architektur“ oder einem unbeherrschbaren „Flickenteppich“. Diese abwehrende Rhetorik offenbart die tiefe Angst vor einem Kontrollverlust im eigenen Ökosystem.
Auch Ausflüge in höchst komplexe und noch unausgereifte Sphären wie das Quantencomputing wirken aktuell eher wie eine naive Ressourcenverschwendung ohne echten ERP-Mehrwert, da selbst die Grundlagen für einen echten „Gutenberg-Moment“ der KI-Revolution im SAP-Kern noch fehlen.
Der Blick auf die einst viel gepriesene SAP-Datenbank Hana illustriert dieses Dilemma der schwindenden Innovationskraft besonders eindrücklich. Als Professor Hasso Plattner diese In-Memory-Computing-Datenbank vor etwa 15 Jahren am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam konzipierte, war sie eine echte disruptive Innovation, die das visionäre Ziel eines agilen „Realtime Enterprise“ überhaupt erst greifbar machte.
Was ist aus dieser Innovation geworden? Über ein Jahrzehnt später hat sich der anfängliche Geschwindigkeitsvorsprung nahezu marginalisiert, da IT-Giganten wie Oracle, IBM und Microsoft längst technisch nachgezogen und gleichwertige eigene In-Memory-Technologien im Markt etabliert haben. Für den kritischen SAP-Bestandskunden stellt sich daher unweigerlich die Frage, ob In-Memory-Computing im Kontext von ERP-Datenbanken heute überhaupt noch als exklusive Innovation gefeiert werden darf. Die ernüchternde Antwort lautet: Nein, es ist längst zu einem unabdingbaren Branchenstandard geworden, der den elitären Innovationsanspruch der SAP nicht mehr rechtfertigt.
Im Sinne von Clayton Christensens Theorie des „Innovator’s Dilemma“ hat SAP es strategisch nicht geschafft, Hana als universelle, unabhängige Datenbankspitze im freien Markt gegen die etablierten Platzhirsche durchzusetzen. Stattdessen mutierte die einstige technische Speerspitze zu einem knallharten kaufmännischen Instrument des Vendor-Lock-in.







