Drück aufs Knöpfchen


Wer sich blind auf den amerikanischen KI-Goldrausch verlässt, wacht mitunter mit einem geopolitischen Kater der Extraklasse auf. Die plötzliche Anordnung der US-Regierung, die modernen KI-Modelle Fable 5 und Mythos 5 des Anbieters Anthropic für alle ausländischen Staatsangehörigen zu sperren, trifft die europäische SAP-Community wie ein nasser Waschlappen.
Aus Sorge um die nationale Sicherheit behandelt Washington die Algorithmen wie kritische Waffentechnologie und schließt kurzerhand auch nicht amerikanische Kunden und sogar eigene Mitarbeiter vom Zugang aus. Für SAP-Chef Christian Klein entpuppt sich diese Intervention als strategischer Albtraum, denn er hatte erst kürzlich auf der Kundenkonferenz Sapphire 2026 in Orlando die Sprachmodelle von Anthropic als das primäre kognitive Herzstück für seinen digitalen Assistenten Joule auserkoren.
Das gepriesene Autonomous Enterprise, in dem KI-Agenten wie von Geisterhand den Quartalsabschluss oder die Lieferkette steuern sollen, erleidet damit einen peinlichen Kurzschluss. Für den besorgten SAP-Bestandskunden offenbaren sich durch diese US-Sperre eklatante Gefahren für die Autonomie und Souveränität der eigenen ERP-Systeme. Die tiefe Partnerschaft mit Anthropic zeigt, dass der Walldorfer Weltmarktführer im Bereich der generativen Basismodelle keine ausreichende eigene Kernkompetenz besitzt und zum bloßen Datenlieferanten für die überlegenen KI-Engines der US-Hyperscaler degradiert wird.
Wenn nun eine ausländische Regierung über Nacht per Dekret das Gehirn des europäischen ERP-Systems abschalten kann, drohen den Anwendern ein unkalkulierbarer Funktionalitätsverlust und der sofortige Stillstand geschäftskritischer Prozesse. Erschwerend kommt hinzu, dass es in der SAP-Welt zwar inzwischen umfassende Diskussionen über den neuen EU Data Act und Cloud-Exit-Strategien gibt, aber eine rettende KI-Exit-Strategie schlichtweg fehlt. Fällt das externe Sprachmodell plötzlich weg oder werden die Preise diktiert, stehen die Unternehmen vor dem Ruin ihrer Automatisierung, denn nackte Rohdaten sind ohne die dazugehörigen interpretierenden Algorithmen und Lizenzen faktisch wertlos.

Die viel beschworene digitale Souveränität des SAP-Bestandskunden mutiert somit zur Fiktion, wenn man sich unvorbereitet in die stark reglementierten KI-Architekturen des ERP-Weltmarktführers zwingen lässt. Angesichts dieses Desasters lautet die kritische Empfehlung an alle IT-Entscheider: die eigene Unabhängigkeit nicht blind auf dem Altar des SAP-Marketings zu opfern.
Anwender sollten sich aus der technischen Umklammerung befreien und auf hybride, komponierbare Architekturen – ein sogenanntes Composable ERP – setzen. Durch den Einsatz unabhängiger Integrationsplattformen und den lokalen Betrieb von offenen Sprachmodellen auf eigenen Servern lässt sich die Kontrolle über sensible Daten bewahren und ein schmerzhafter Vendor-Lock-in abwenden.
Doch ist SAP nun vollständig aufgeschmissen und zwingend auf Anthropic angewiesen? Offensichtlich bietet die Business Technology Platform (SAP BTP) mit dem GenAI-Hub eine architektonische Vermittlungsschicht, die es erlaubt, zwischen verschiedenen KI-Providern wie Microsoft, Google oder quelloffenen Modellen wie Llama zu wechseln.
Zudem hat SAP den Schuss offenbar gehört und versucht hastig, mit Zukäufen wie dem Start-up Prior Labs eigene Modelle für tabellarische ERP-Daten aufzubauen. Dennoch bleibt der Wechsel eines integrierten KI-Modells ein komplexes Unterfangen, weshalb SAP-Bestandskunden dringend geraten wird, KI-Anwendungen von vornherein modular und absolut anbieterunabhängig zu konstruieren, um nicht zum Spielball fremder Regierungen zu werden. (pmf)



