Autonomes Fahren mit SAP


In der atemlosen Welt des globalen Softwarekonzerns SAP haben strategische Leitbilder mittlerweile die Halbwertszeit einer Eintagsfliege, denn erst vor einem Jahr wurde die sogenannte North-Star-Architektur als der ultimative ERP-Heilsbringer gefeiert, doch nun hat SAP-Chef Christian Klein diesen Stern bereits wieder vom Himmel geholt und durch das nächste Hochglanz-Narrativ ersetzt: das „Autonomous Enterprise“.
Unter dem Begriff „Autonomous“ versteht Christian Klein eine magische ERP-Utopie, in der sogenannte digitale „Super Worker“ und eine Armee von autonomen KI-Agenten komplexe Geschäftsprozesse, wie beispielsweise den Quartalsabschluss in der Finanzabteilung, nicht mehr in anstrengenden Wochen, sondern in wenigen Tagen quasi im Alleingang erledigen sollen.
Die Art und Weise, wie SAP diesen Begriff in der Kommunikation mit den oft leidgeprüften Bestandskunden verwendet, gleicht dabei einem meisterhaften, fast schon komödiantischen Etikettenschwindel. Anstatt das viel zitierte ERP-Rad wirklich von Grund auf neu zu erfinden, bedient sich der Konzern eines simplen Vokabeltauschs, bei dem bekannte Software-as-a-Service-Lösungen einfach neu sortiert und mit dem werbewirksamen Präfix „Autonomous“ veredelt werden.

Betrachtet man das technische Fundament dieses autonomen Luftschlosses, so offenbart sich ein vierteiliges Architektur-Puzzle, das bei Lichte besehen durchaus Charme hat, sofern es denn in der harten Realität fehlerfrei funktioniert. Das Fundament dieses Konstrukts bildet die „SAP Business AI Platform“, die als unterste Orchestrierungsebene fungiert und den tiefen Prozesskontext, die Geschäftsdaten und die KI-Modelle zentral zusammenführt.
Da aber selbst das intelligenteste Large Language Model an den historisch gewachsenen, notorisch kryptischen Tabellenstrukturen eines SAP-Systems kläglich scheitern würde, hat SAP als semantischen Babelfisch (das fiktive Lebewesen aus dem Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams) den „SAP Knowledge Graph“ dazwischengeschaltet (siehe auch Graphentheorie der Informatik und SAP Hana Graph Engine). Dieser Graph soll die hochkomplexen SAP-Daten für die KI-Agenten überhaupt erst lesbar und abrufbar machen, indem er die Beziehungen zwischen den unzähligen Datenknoten übersetzt, damit die Maschine im ERP-Kontext nicht gefährlich und wild zu halluzinieren beginnt.
Auf dieser frisch übersetzten Datenbasis ruht dann die „SAP Autonomous Suite“, der operative Kern des Systems, in dem mehr als 50 domänenspezifische Assistenten und eine Untergruppe von über 200 hochspezialisierten KI-Agenten fleißig ihre digitalen Rädchen drehen sollen. Orchestriert und befehligt wird dieses gesamte agentische Orchester schließlich von SAP Joule in der obersten Interaktionsschicht, die schlicht „Joule Work“ getauft wurde. (pmf)




