Die alten Regeln gelten nicht mehr


SAP muss sich neu erfinden, denn die alten Regeln gelten nicht mehr: Nicht nur die Bestandskunden und Partner erdulden die erratische Produktentwicklung und die ausufernde Lizenzpolitik, auch die Finanzanalysten und Investoren strafen an der Börse den ERP-Weltmarktführer ab. Einige Analysten hegen noch immer den Traum von einem Börsenkurs jenseits von 300 Euro, momentan hält sich der SAP-Aktienkurs aber nur bei um die 170 Euro – die alten Regeln gelten nicht mehr!
„Gleichzeitige Ungleichzeitigkeiten“ heißt ein Lehrbuch von Manfred Füllsack. Es ist eine Einführung in die Komplexitätsforschung und beschreibt ziemlich genau den aktuellen Zustand der Welt. Umso erstaunlicher ist diese Tatsache, weil das Buch in seiner ersten Auflage bereits 2011 erschien. Die Schlussfolgerung: Auch wenn die alten Regeln nicht mehr gelten, Grundsätzliches ändert sich kaum oder nur sehr langsam. In diesem Diskurs aus Veränderung und Beharrung ist SAP-Chef Christian Klein stecken geblieben. Für ihn gibt es kein Vorwärts und kein Rückwärts mehr.
SAP-Bestandskunden, Partner, Freunde, Mitarbeiter, Investoren und Analysten rätseln über die zukünftigen Möglichkeiten von SAP im Speziellen und ERP im Allgemeinen. SAP-Chef Christian Klein liefert dazu keine verständlichen und tiefgreifenden Antworten. Das Mantra eines Dreigestirns aus Cloud, KI und Quantencomputing ist zu wenig. Die Gefahr ist groß, dass durch das Cloud Computing der Hyperscaler, durch die KI von OpenAI, Anthropic, Meta und Google und durch eine mögliche Quantencomputerrevolution in etwa zehn Jahren sowohl kurzfristig als auch langfristig die SAP-Umsätze wegbrechen und der SAP-Aktienkurs deutlich unter 100 Euro sinkt.
Der Mehrwert von SAP zum Thema Cloud Computing ist bescheiden. Ex-CEO Bill McDermott versuchte den Rückstand mit zahlreichen Zukäufen wettzumachen. Christian Klein musste dann viele Baustellen schließen oder sanieren. Für echte Innovation war bei SAP keine Ressource mehr vorhanden. Das Ergebnis: SAP macht Cloud Computing wie alle anderen Mitbewerber auch – der ERP-Weltkonzern wurde im Bereich Cloud beliebig und austauschbar. Der Cloud-Börsenhype ist zu Ende.
Mit KI ist SAP mehrfach gegen die Wand gefahren. Von Beginn an gelang es Christian Klein nicht, eine konsistente Strategie zu entwickeln. Zahlreiche KI-Partnerschaften sollten womöglich die Planlosigkeit vertuschen. Eine Kooperation mit dem deutschen KI-Start-up Aleph Alpha endete im Niemandsland. SAP fehlt es an KI-Konzepten, der IT-Markt hingegen verlangt nach Antworten: Aktuell versucht Aleph-Alpha-Gründer Jonas Andrulis mit der Unternehmensberatung Roland Berger, was Christian Klein nicht gelang, ein LLM, Large Language Model, für Business-to-Business-Prozesse.
Das jüngste Betätigungsfeld von SAP ist nach einem Bericht des deutschen Handelsblatts das neumodische Quantencomputing. Überraschend für viele Beobachter ist die Naivität, mit der SAP hier zur Sache geht: Der Erfolg von Quantencomputing ist lange noch nicht selbstverständlich und der Aufwand wird um ein Vielfaches höher sein als bei Cloud und KI. Eine Quantenüberlegenheit als der Beweis, dass Quantenalgorithmen klassischen Algorithmen und Datenstrukturen überlegen sind, ist nur partiell erbracht. Sollte Quantencomputing jemals einen Mehrwert für ERP erbringen können, dann wird es zu diesem Zeitpunkt zahlreiche Quantenwerkzeuge und Programmbibliotheken geben, sodass aktuelle Bemühungen der SAP reine Ressourcenverschwendung sind.
Naturgemäß wird sich die IT-Geschichte wiederholen: Ähnlich wie heute die Auslöschung klassischer IT-Anbieter wie SAP durch KI ansteht, kann es in Zukunft zu einer Existenzbedrohung für KI-Unternehmen wie OpenAI und Anthropic durch Quantencomputing kommen. SAP wird immer durch den technischen Wandel bedroht sein, somit waren die alten Regeln der Vergangenheit richtig: betriebswirtschaftliche und organisatorische Excellence und mäßige technische Innovation – aber diese Regeln gelten nicht mehr, denn KI und KI-Agenten können mittlerweile betriebswirtschaftliche Excellence aus sich heraus erschaffen. Was nun, SAP?
Es gibt eine Theorie komplexer Systeme. Die Vermutung liegt nahe, dass sich SAP in den vergangenen Jahren zu wenig mit den Grundlagen der Informatik und Betriebswirtschaft beschäftigt hat und zu sehr den IT-Trends wie Cloud, KI und Quantencomputing hinterhergelaufen ist. Disziplinen wie Kybernetik, System-, Spiel- und Netzwerktheorie oder Simulation komplexer Systeme kommen im SAP-Diskurs nicht vor. Aus den Gebieten zellularer Automaten, der Spiel- und Netzwerktheorie bis hin zu Machine Learning, Agentic AI und Selbstreferenzialität gäbe es genug Stoff für ERP-Innovationen. Das Buch von Manfred Füllsack ist SAP-CEO Christian Klein dringendst empfohlen, denn in der gleichzeitigen Ungleichzeitigkeit gelten die alten Regeln nicht mehr.





