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Die Verlorene Kernkompetenz der SAP

Der Aktienkurs steigt und kennt keinen Halt. Der ERP-Konzern wächst und macht einen soliden Eindruck, aber hinter dem Horizont droht von agilen, jungen, innovativen Cloud-native-Anbietern Gefahr.
Peter M. Färbinger, E3 Magazin
30. November 2023
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The Innovator’s Dilemma

SAP-Chef Christian Klein führt mit sicherer und starker Hand den ERP-Weltmarktführer durch unruhige Zeiten. Die Anteilseigner danken es ihm und werden mit stetig höheren Börsenkursen belohnt. Früher hieß es, der Kurs einer Aktie spiegelt nicht den aktuellen Zustand wider, sondern nimmt eine zukünftige Entwicklung vorweg. Diese Börsenregel gilt es zu hinterfragen.

Das Innovator’s Dilemma ist die simple Frage: Wie innovativ kann ein etabliertes Unternehmen sein, um weder die Bestandskunden zu verschrecken noch den Anschluss an die Zukunft zu verlieren? SAP-Chef Christian Klein hat eine komplexe Aufgabe vor sich. Die Zukunft verlangt eine Cloud-Transformation und die Bestandskunden klammern sich an die Weisheit der Informatiker: Never change a running system.

SAP will Cloud only, die langjährigen R/2- und R/3-Bestandskunden brauchen Antworten für ihre On-prem-Erfolge. Finanzanalysten wollen von Christian Klein das Buzzword „Cloud only“ hören, während sich Partner und Bestandskunden sorgen um den Investitionsschutz in die On-prem-Abap-Modifikationen: Klein und sein Innovator’s Dilemma!

Kernkompetenz statt Innovation

Eine Rückbesinnung auf die eigenen Stärken wäre vielleicht eine bessere Antwort gewesen, als einem Cloud-Trend hinterherzulaufen, dem Microsoft, Google und AWS schon längst enteilt sind. SAP hat kreative und motivierte Entwickler. Eine Neuerfindung von ERP wäre möglich gewesen und auch unabhängig vom Betriebsmodell.

Kurze Zeit hat es danach ausgesehen, dass SAP mit innovativer Kernkompetenz die Konkurrenz im Regen stehen lässt. Ex-SAP-Chef Bill McDermott präsentierte auf einer SAP-Hausmesse das Projekt C/4 Hana. Dieses CRM-System sollte eine erfolgreiche Antwort auf Salesforce werden und zum CRM-Marktführer aufsteigen. Es kam anders.

Mit SuccessFactors wollte SAP die HCM-Kernkompetenz unter Beweis stellen. Aktuell nutzen immer mehr SAP-Bestandskunden das HCM-Konkurrenzprodukt von Workday. Selbst SAP-Bestandskunde Mercedes ist ins Workday-Lager übergelaufen. Und nun auch noch Red Bull.

Red Bull ist in 175 Ländern aktiv und verkauft jährlich mehr als 11,5 Milliarden Dosen des Energydrinks. „Für uns als Getränkehersteller sind Transparenz und Sicherheit entlang der gesamten Prozesskette entscheidend. Aras Innovator schafft eine einheitliche Umgebung, die es allen Nutzern von Produktinformationen ermöglicht, auf Basis eines einzigen Prozess- und Datensatzes zusammenzuarbeiten“, erläutert Red Bull seine Entscheidung für Aras.

„Wir sind weltweit aktiv und unser Portfolio wächst jedes Jahr. In diesem komplexen System stellt PLM den Informationsaustausch zwischen den beteiligten Partnern sicher und garantiert die Einhaltung aller Compliance-Regeln“, so Red Bull weiter. Aras Innovator wird bei Red Bull als Software as a Service (SaaS) implementiert und in die bestehende SAP-S/4-Hana- und Anwendungsinfrastruktur integriert.

Behörden verlangen im Bereich Food und Beverage sehr genaue Angaben über Inhaltsstoffe und Lieferketten. Die Einhaltung von Compliance-Vorgaben ist schon in einem Land sehr komplex. Wenn aber weltweit produziert und verkauft wird, muss die digitale Lösung dahinter Skalierbarkeit und Flexibilität vereinen, damit der gesamte End-to-End-Prozess akkurat gemanagt und überwacht werden kann. Diesen ESG-Ansatz (Environment, Social, Governance) wollte eben auch SAP-Vorstand Thomas Saueressig mit einer eigenen Nachhaltigkeits- und Compliance-Lösung in Form eines Green Ledger in den Markt und zu den SAP-Bestandskunden wie Red Bull bringen.

Kann SAP auch Zukunft?

Die Frage muss aus aktueller Sicht mit Nein beantwortet werden. Das Beispiel KI zeigt nochmals das Innovator’s Dilemma und eben auch die verlorene Kernkompetenz in den Bereichen CRM, HCM und PLM. Während IT-Konzerne wie Microsoft früh in neue Bereiche wie Cloud Computing oder bei OpenAI in künstliche Intelligenz investierten, blieb SAP bei diesen Zukunftsthemen lange zurückhaltend und bis jetzt zögerlich.

Um den Cloud-Trend nicht zu verschlafen, entschied man sich für ein Lift und Shift für S/4 Hana. Nun hat der ERP-Weltmarktführer ein System in der Cloud, aber keine konkurrenzfähigen Produkte als Antwort auf die Cloud-native-Anbieter.

Im Bereich KI reicht es für ein zaghaftes Investment in den europäischen Shootingstar Aleph Alpha. Hier machen Bosch oder Trumpf als SAP-Bestandskunden wesentlich mehr. Selbst Aleph-Alpha-Chef Jonas Andrulis prophezeite SAP auf dem KI-Summit des Handelsblatts in München eine theoretisch erfolgreiche Zukunft mit Alleinstellungsmerkmal im Bereich Large Language Model für Geschäftsprozesse. Offensichtlich glaubt SAP nicht an die eigene Kernkompetenz, sondern an Cloud only.

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Peter M. Färbinger, E3 Magazin

Peter M. Färbinger, Herausgeber und Chefredakteur E3-Magazin DE, US und ES (e3mag.com), B4Bmedia.net AG, Freilassing (DE), E-Mail: pmf@b4bmedia.net und Tel. +49(0)8654/77130-21


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Die Arbeit an der SAP-Basis ist entscheidend für die erfolgreiche S/4-Conversion. Damit bekommt das sogenannte Competence Center bei den SAP-Bestandskunden strategische Bedeutung. Unhabhängig vom Betriebsmodell eines S/4 Hana sind Themen wie Automatisierung, Monitoring, Security, Application Lifecycle Management und Datenmanagement die Basis für den operativen S/4-Betrieb. Zum zweiten Mal bereits veranstaltet das E3-Magazin in Salzburg einen Summit für die SAP-Community, um sich über alle Aspekte der S/4-Hana-Basisarbeit umfassend zu informieren. Mit Ausstellung, Fachvorträgen und viel Gesprächsbedarf erwarten wir wieder zahlreiche Bestandskunden, Partner und Experten in Salzburg. Das E3-Magazin ladet zum Lernen und Ideenaustausch am 5. und 6. Juni 2024 nach Salzburg ein.

Veranstaltungsort

Eventraum, FourSide Hotel Salzburg,
Am Messezentrum 2,
A-5020 Salzburg

Veranstaltungsdatum

5. und 6. Juni 2024

Tickets

Early-Bird-Ticket - Erhältlich bis 29.03.2024
EUR 440 exkl. USt
Regular Ticket
EUR 590 exkl. USt

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Veranstaltungsort

Eventraum, Hotel Hilton Heidelberg,
Kurfürstenanlage 1,
69115 Heidelberg

Veranstaltungsdatum

28. und 29. Februar 2024

Tickets

Regular Ticket
EUR 590 exkl. USt
Veranstalter ist das E3-Magazin des Verlags B4Bmedia.net AG. Die Vorträge werden von einer Ausstellung ausgewählter SAP-Partner begleitet. Der Ticketpreis beinhaltet den Besuch aller Vorträge des Steampunk und BTP Summit 2024, den Besuch des Ausstellungsbereichs, die Teilnahme an der Abendveranstaltung sowie die Verpflegung während des offiziellen Programms. Das Vortragsprogramm und die Liste der Aussteller und Sponsoren (SAP-Partner) wird zeitnah auf dieser Website veröffentlicht.