Seid immer wahrhaftig, nicht neutral


Der ehemalige DSAG-Vorstandsvorsitzende Jens Hungershausen hat sechs Jahre erfolgreich den Anwenderverein geführt. Gegenüber SAP versuchte er, eine agile, aber neutrale Position zu praktizieren. Nur einmal wurde die Kritik des Vereins an SAP deutlich und prägnant, woraufhin Hungershausen von SAP-Chef Christian Klein zum Rapport nach Walldorf bestellt wurde. SAP reagiert sehr heftig auf Majestätsbeleidigung – was das E3-Magazin seit über 25 Jahren immer wieder und immer öfter zu spüren bekommt. Somit gilt der Satz von Christiane Amanpour „Seid immer wahrhaftig, nicht neutral“ auch für die SAP-Community und nicht nur für die Journalisten von CNN.
Das spannungsreiche Beziehungsdreieck zwischen der SAP-Konzernspitze, der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG) als Interessenvertretung von über 4200 Mitgliedsunternehmen und den weltweiten Bestandskunden offenbart eine der tiefsten Entfremdungen in der Geschichte der Unternehmenssoftware.
Während die börsenorientierte Führung unter SAP-CEO Christian Klein von den Erwartungen der internationalen Kapitalmärkte getrieben wird und das Erreichen wiederkehrender Cloud-Mieteinnahmen die oberste Prämisse definiert, kämpfen die IT-Verantwortlichen bei den SAP-Bestandskunden mit der physischen Komplexität historisch gewachsener Systemlandschaften, knappen Budgets und dem drängenden Fachkräftemangel.
In diesem Gefüge fungiert DSAG nicht mehr nur als klassischer Austauschverband, sondern zunehmend als schützendes Bollwerk für die digitale Souveränität ihrer Mitglieder – eine Rolle, in die der neue DSAG-Vorstandsvorsitzende Thomas Henzler schnell hineinwachsen wird müssen! Der scheidende DSAG-Vorstandsvorsitzende Jens Hungershausen brachte die Dynamik dieses Verhältnisses auf den Punkt, indem er feststellte, dass SAP mit einer riesigen Innovationsgeschwindigkeit voranschreite und dabei versuche, die Bestandskunden und DSAG-Mitglieder irgendwie hinterherzuzerren.

Zwei Paradigmen prallen aufeinander: SAP inszeniert die Vision des Autonomous Enterprise, in dem der KI-Copilot Joule, autonome Agenten und der Knowledge Graph die Führung über die Geschäftsprozesse übernehmen und das traditionelle ERP-System zu einem reinen, im Hintergrund agierenden Buchungsserver degradieren. Dagegen verstehen die Bestandskunden und der Anwenderverein das ERP-System primär als deterministisches, absolut verlässliches Hauptbuch und digitales Rückgrat (System of Record), bei dem Revisionssicherheit, Gesetzestreue und funktionale Stabilität Vorrang vor stochastischen KI-Experimenten haben.
Aufseiten der SAP herrscht die Angst, im Zeitalter der künstlichen Intelligenz die Schnittstelle zum Kunden an mächtige Hyperscaler wie Microsoft, Amazon Web Services oder spezialisierte KI-Pioniere wie Anthropic und OpenAI zu verlieren, weshalb SAP versucht, die Kunden über Cloud-Verträge und den erzwungenen sauberen Kern (Clean Core) zu binden.
Der DSAG-Jahreskongress 2026 in Köln markierte unter dem Motto „Claim Your Ground“ eine historische Standortbestimmung und eine selbstbewusste Kurskorrektur der Anwendercommunity. Mit rund 5500 Teilnehmern im Kölner Confex-Areal stellte die Tagung das klare Diktat auf, dass Anwenderunternehmen vom passiven Getriebenen der herstellerseitigen Roadmaps zum aktiven Gestalter ihrer eigenen IT-Architektur werden müssen.
Die zentralen Ergebnisse und Aussagen des Kölner Kongresses erteilten blinden Hype-Zyklen eine Absage und rückten die Grundsätze „Einordnung statt Euphorie, Nutzenbewertung statt Schlagworten und Wirtschaftlichkeit statt Aktionismus“ in den Mittelpunkt.
Die DSAG machte mit der Übergabe an eine neue Vereinsführung unter Thomas Henzler deutlich, dass sich die Lücke zwischen den angekündigten Visionen des Autonomous Enterprise und dem tatsächlichen Kundennutzen im betrieblichen Alltag rasch schließen muss.
Für den SAP-Bestandskunden lautet die Bilanz: Anstatt sich von herstellerseitigen Fristen entmündigen zu lassen, müssen IT-Entscheider ihren eigenen Transformationskurs auf Basis eines sauberen Systemkerns, Wirtschaftlichkeitsprüfungen für KI-Use-Cases sowie einer verlässlichen Cloud- und KI-Exit-Strategie durchsetzen, um das ERP des eigenen Unternehmens in eigener Hand zu behalten.


