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SAP kämpft ums Überleben

Wenn ein Unternehmen bereit ist, auf bezahlte Leistungen einen 100-Prozent-Bonus zu geben, um die Kundenbeziehung aufrecht zu halten, dann sollten die betroffenen Bestandskunden beginnen, über die Zukunft nachzudenken.
Peter M. Färbinger, E3 Magazin
1. Februar 2024
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Cloud-first-Geschäftsstrategie

Insbesondere den Kunden, die der SAP-Strategie in Richtung S/4 bereits gefolgt sind, will SAP mit dem Programm Rise Migration and Modernization entgegenkommen. Damit reagiert SAP auf eine Forderung der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe. Die Ankündigung bei der SAP-Bilanzpressekonferenz im Juli 2023, dass maßgebliche Innovationen zukünftig nur noch Kunden mit einem Rise- oder Grow-Vertrag angeboten werden, hat insbesondere On-prem-Bestandskunden hart getroffen. „Im Rahmen des Jahreskongresses 2023 hatte die DSAG von SAP gefordert, On-premises-Kunden nicht im Regen stehen zu lassen. Umso erfreulicher ist es, dass SAP nun reagiert“, sagt Jens Hungershausen, DSAG-Vorstandsvorsitzender.

Die SAP hat verschiedene Ressourcen, Services und finanzielle Anreize vorgestellt, die Kunden helfen sollen, auf die Cloud umzustellen. Das Programm Rise with SAP Migration and Modernization soll Unterstützung bei zwei grundlegenden Problemen bieten: Umfang und Kosten. Nach Meinung von SAP soll es das nötige Vertrauen schaffen, auch hochkomplexe ERP-Systeme in die Cloud zu migrieren, indem es die Eigenentwicklung von Code überflüssig macht, Datensilos abbaut und die Komplexität von Prozessen verringert.

Paradigmenwechsel: Von Innovation zu Rabatten

SAP hat mit Beginn des neuen Jahres eine 180-Grad-Wende vollzogen: Waren es früher die innovativen Geschäftsprozesse, siehe Signavio und LeanIX, die die Bestandskunden von S/4 überzeugen sollten, so ist es nun der alleinige finanzielle Vorteil. In der SAP-Community ist die Rabattschlacht eröffnet. Experten gehen davon aus, dass die aktuelle Entwicklung nur der Beginn eines aggressiven Preiskampfes ist: Was kostet es, um die Mehrheit der SAP-Bestandskunden in die Public Cloud zu bekommen?

Der Anwenderverein DSAG erklärte: SAP will bisherigen S/4-On-prem- und ECC-Bestandskunden, die einen Rise-Vertrag abschließen und in die Public Cloud gehen, einen Bonus bis zu 100 Prozent des durchschnittlichen jährlichen Vertragswerts anbieten. ECC-Kunden erhalten bis zu 45 Prozent des durchschnittlichen jährlichen Vertragswerts, wenn sie in die Private Cloud wechseln. Für Kunden oberhalb eines noch festzulegenden Schwellenwerts, was ihr Vertragsvolumen anbelangt, stellt SAP zudem einen Enterprise-Architekten im Rahmen des Rise-Vertrags zur Verfügung. Dieser soll die Kunden ohne Vertriebsdruck als “Trusted Advisor” beraten.

Die eingesparten Kosten beim Wechsel zu Rise werden als Gutschrift bei SAP hinterlegt. „Sie können dann zur Deckung der Kosten für Wartung, Cloud-Services oder weitere Cloud-Subskriptionen genutzt werden“, erläutert Jens Hungershausen. „Jedes Unternehmen braucht eine Cloud-first-Geschäftsstrategie“, sagt Eric van Rossum, Chief Marketing Officer für Cloud-ERP bei SAP. „Es ist wichtiger denn je, dass Kunden ihre Migration und Modernisierung jetzt in Angriff nehmen, um die Möglichkeiten aktueller Cloud-Innovationen – etwa KI und Nachhaltigkeitslösungen – nutzen zu können.“

Warum nur?

Die Gründe für diese überraschende, panikartige SAP-Aktion sind offensichtlich: Kommendes Jahr wird S/4 zehn Jahre alt und noch immer arbeitet ein Großteil der Bestandskunden auf den Vorgängerversionen R/3 und ECC; S/4 war nie für die Cloud konzipiert, somit gibt es kein technisches Argument, um mit S/4 in die Cloud zu gehen; ausschließlich ein finanzieller Vorteil könnte die SAP-Bestandskunden für das SAP’sche Cloud Computing begeistern. Oder?

SAP ist mit zwei wesentlichen Herausforderungen konfrontiert: Innovation und Support. Am Beispiel des einstigen SAP-Vorzeigekunden Mercedes lässt sich das Desaster genau ablesen. Beim Autohersteller in Stuttgart wird Salesforce für CRM und Workday für HCM eingesetzt. In beiden Bereichen ging SAP leer aus und Mercedes ist nur der Beginn einer zu beobachtenden Entwicklung.

Drittwartung wird aktuell

Wenn sich der Einsatz von SAP-Software auf das Kernsystem Financial reduziert und Bereiche wie CRM, HCM, SCM etc. von anderen Anbietern abgedeckt wird, dann könnte das Thema Drittwartung wieder aktuell werden.

Lobenswerterweise hat sich SAP aus Russland zurückgezogen, wie nun aber ein SAP-Experte im Österreichischen Rundfunk erklärte, sind deshalb die vielen SAP-Systeme in Russland nicht zum Stillstand gekommen. Diese SAP-Systeme werden nun außerhalb der stornierten Wartungsverträge von lokalen IT-Spezialisten supportet. Diese inoffizielle Drittwartung ist in der globalen SAP-Community nicht unbekannt. Bereits zu R/3-Zeiten wurden viele Systeme in Asien demnach illegal betrieben. Auch in China finden sich immer wieder lokale ERP-Systeme, die einem R/3- und ECC-System verblüffend ähnlich sind, siehe auch E3-Text in der Ausgabe Februar 2024 auf Seite 16.

Die aktuellen Finanzzahlen der SAP vermitteln ein anderes Bild. Würde SAP aber nicht das Wasser bis zum Hals stehen, dann gäbe es wohl kaum diese sehr kulanten Rabatte. SAP scheint sich um das mittelfristige Überleben zu sorgen. Und die S/4-Preis- und -Rabattschlacht hat erst begonnen!

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Peter M. Färbinger, E3 Magazin

Peter M. Färbinger, Herausgeber und Chefredakteur E3-Magazin DE, US und ES (e3mag.com), B4Bmedia.net AG, Freilassing (DE), E-Mail: pmf@b4bmedia.net und Tel. +49(0)8654/77130-21


2 Kommentare

  • Peter Färbinger

    Ja, das Thema Cloud-Exit-Strategie ist in vielen Belangen von großer Bedeutung. Ich denke, dass eine fehlende Exit-Strategie auch gegen den Wettbewerb gerichtet ist. Denn wenn ich nicht einfach und schnell Wechseln kann, siehe Mobile-Nummern, warum solle es dann attraktive Preise geben?

  • Die Cloud bietet viele Vorteile. On Premise bzw. eine unabhängig von Hersteller (also unter Kontrolle des Unternehmens) betriebene Private Cloud ebenfalls. Jedes Unternehmen muss sich überlegen, welche Abhängigkeiten sich ergeben. Was passiert bei Preissteigerungen nach der ersten Vertragslaufzeit, wie kommt man wieder an seine Daten (Exit-Strategie), usw. Eine unabhängige Beratung wäre sicher im ein oder anderen Fall sinnvoll.

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Die Arbeit an der SAP-Basis ist entscheidend für die erfolgreiche S/4-Conversion. Damit bekommt das sogenannte Competence Center bei den SAP-Bestandskunden strategische Bedeutung. Unhabhängig vom Betriebsmodell eines S/4 Hana sind Themen wie Automatisierung, Monitoring, Security, Application Lifecycle Management und Datenmanagement die Basis für den operativen S/4-Betrieb. Zum zweiten Mal bereits veranstaltet das E3-Magazin in Salzburg einen Summit für die SAP-Community, um sich über alle Aspekte der S/4-Hana-Basisarbeit umfassend zu informieren. Mit Ausstellung, Fachvorträgen und viel Gesprächsbedarf erwarten wir wieder zahlreiche Bestandskunden, Partner und Experten in Salzburg. Das E3-Magazin ladet zum Lernen und Ideenaustausch am 5. und 6. Juni 2024 nach Salzburg ein.

Veranstaltungsort

Eventraum, FourSide Hotel Salzburg,
Am Messezentrum 2,
A-5020 Salzburg

Veranstaltungsdatum

5. und 6. Juni 2024

Tickets

Early-Bird-Ticket - Erhältlich bis 29.03.2024
EUR 440 exkl. USt
Regular Ticket
EUR 590 exkl. USt

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Veranstaltungsort

Eventraum, Hotel Hilton Heidelberg,
Kurfürstenanlage 1,
69115 Heidelberg

Veranstaltungsdatum

28. und 29. Februar 2024

Tickets

Regular Ticket
EUR 590 exkl. USt
Veranstalter ist das E3-Magazin des Verlags B4Bmedia.net AG. Die Vorträge werden von einer Ausstellung ausgewählter SAP-Partner begleitet. Der Ticketpreis beinhaltet den Besuch aller Vorträge des Steampunk und BTP Summit 2024, den Besuch des Ausstellungsbereichs, die Teilnahme an der Abendveranstaltung sowie die Verpflegung während des offiziellen Programms. Das Vortragsprogramm und die Liste der Aussteller und Sponsoren (SAP-Partner) wird zeitnah auf dieser Website veröffentlicht.