Freiheit in Walldorf


Freiheit in Krähwinkel ist eine Posse mit Gesang in zwei Akten meines Heimatdichters Johann Nestroy (1801 bis 1862). Das Stück entstand 1848, im Jahr der Revolution von 1848/49, und wurde am 1. Juli 1848 als Benefizvorstellung für Nestroy am Carl-Theater in Wien, Österreich, uraufgeführt. Nach Ausbruch der Revolution fordert auch der fiktive Ort Krähwinkel seine eigene „Freiheit“. Die Bürger gründen Bürgerwehren und Ausschüsse, wissen aber nicht, was sie mit der Freiheit anfangen sollen. Am Ende siegt die alte Ordnung aus Angst vor dem Chaos.
KI ist eine IT-Revolution und aktuell wissen noch die wenigsten Unternehmen und Anwender, was mit dieser Revolution zu geschehen hat. Wer bleibt, wer muss gehen, wer profitiert? Die These, dass die KI-getriebene Plattformarchitektur der SAP rund um KI, Agentic AI, das Autonomous Enterprise und den Knowledge Graph den SAP-Bestandskunden in die Unabhängigkeit entlässt, erweist sich als ein doppelbödiges Narrativ.
In den Keynotes von SAP wird der Knowledge Graph als der semantische „Babelfisch“ inszeniert, der das verkrustete, aus über sieben Millionen Datenfeldern und Zehntausenden Entitäten bestehende ERP-Datenmodell automatisiert, kartografiert und maschinenlesbar macht. Durch die Übersetzung von relationalen Tabellen in Ontologien und eine Netzstruktur aus Knoten und Kanten soll verhindert werden, dass Sprachmodelle im geschäftskritischen Hauptbuch gefährlich halluzinieren.
Wer jedoch glaubt, Walldorf händige seinen Bestandskunden den Schlüssel zur Befreiung aus dem Vendor-Lock-in aus, erliegt einer Täuschung.
Der Babelfisch ist ein fiktives Lebewesen aus dem Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams. Den Namen Babelfisch bezog Douglas Adams auf die biblische Geschichte des Turmbaus zu Babel und die babylonische Sprachverwirrung aus dem Buch Genesis.
Der Knowledge Graph und die Business AI Platform (BAIP) sind primär als neue Einzäunung für das ERP-Ökosystem der SAP gedacht. Der Zugriff auf den von SAP verwalteten Knowledge Graph bleibt an die kostenpflichtige Nutzung der Business Technology Platform (SAP BTP) und der Business Data Cloud (SAP BDC) gekoppelt. Wer den semantischen Kontext seiner Unternehmensdaten aktivieren möchte, wird über verbrauchsbasierte Capacity Units, Token-Gebühren und die im April 2026 erlassene restriktive SAP API Policy an die Walldorfer Mautstation zitiert.
Anstatt den Kunden zu befreien, versucht SAP, den geschäftlichen Kontext – das wahre Kronjuwel eines jeden Unternehmens – hinter proprietären Schnittstellen zu verriegeln. Die in Paragraph 2.2.2 der API Policy verankerte Klausel reglementiert explizit den direkten, unlizenzierten Zugriff drittbasierter KI-Agenten auf SAP-Daten, was von Anwendervereinigungen wie der DSAG als kartellrechtlich bedenklicher Versuch gewertet wird.
Eine Befreiung aus der monopolstarken Umklammerung des ERP-Giganten entsteht für den Bestandskunden nicht durch das resignierte Akzeptieren der gepachteten Cloud-Modelle, sondern durch die konsequente Aneignung offener, herstellerunabhängiger Standards aus der Informatik. Die mathematische Graphentheorie und die Spezifikationen des W3C-Konsortiums – das Resource Description Framework (RDF), die Abfragesprache SPARQL sowie Web Ontology Language (OWL) – sind von Natur aus quelloffen und Vendor-agnostisch.
Wenn ein Bestandskunde seine geschäftsspezifischen Taxonomien und Ontologien nicht in der BTP parkt, sondern einen universellen „Enterprise Semantic Backbone“ auf Basis offener und souveräner Open-Source-Infrastrukturen wie Suse, Red Hat oder Boomi aufbaut, bricht er den monolithischen Machtanspruch der SAP von innen heraus auf. Ein solcher offener Wissensgraph entkoppelt die kognitive Logik und das Geschäftsverständnis vollständig von der zugrunde liegenden Anwendungssoftware.
Das Composable ERP und KI-gestütztes „Vibe Coding“ schaffen eine disruptive Dynamik. Wenn die Unternehmensregeln, Datenbeziehungen und Prozesspfade in einer RDF-basierten Ontologie formal hinterlegt sind, können moderne Sprachmodelle und spezialisierte KI-Plattformen, wie etwa das Cleanfield-Konzept von Nova Intelligence, den benötigten Anwendungscode, die Fiori-Schnittstellen und die Validierungslogik direkt aus dem semantischen Modell heraus generieren.
Der Bestandskunde muss in diesem Szenario keine Z-Modifikationen im Abap-Namensraum mehr pflegen. Er lässt sich seine Erweiterungen durch autonome Agenten auf sauberen, entkoppelten Plattformen programmieren, während der S/4-Kern zu einem reinen, austauschbaren Transaktionsserver für das Hauptbuch degradiert wird. Der DSAG-Investitionsreport 2026 untermauert diese Entwicklung: Während lediglich marginale drei Prozent der Anwenderunternehmen auf die nativen KI-Tools der SAP vertrauen, nutzen bereits 77 Prozent der KI-aktiven Firmen unabhängige Sprachmodelle und Drittanbieter-Plattformen, um ihre digitale Souveränität zu verteidigen.


