Igor Levit – No Fear


Es war ein Samstagabend, als meine Lebenspartnerin und ich uns das Video über Igor Levit ansehen wollten. Es gab die Information, dass diese Dokumentation auf YouTube verfügbar ist. Schnell gefunden, mussten wir feststellen, dass sie nur als Leih- oder Kaufvideo zur Verfügung steht. Die Leihgebühr von 5 Euro erschien uns angemessen. Der Login über Bildschirmtastatur war nicht möglich, weil das YouTube-System keine Zwei-Faktoren-Google-Anmeldung beherrschte. Wir wählten den Umweg über Smartphone und QR-Code. Nach abermaliger Registrierung und Freischaltung am Smartphone landeten wir beim Bezahlvorgang – dann war aber Schluss: Das YouTube-System wollte nicht nur Kreditkartennummer, Name etc. wissen, sondern auch unsere Heimatadresse. Uns erschien diese Datensammelwut für einen 5-Euro-Kauf eines Leihvideos übertrieben. Wir brachen den Prozess ab. Was nun?
Meine Lebenspartnerin hatte die Idee, die Videodokumentation auf CD zu erwerben. Beim Suchen im Internet fand sie einen Eintrag, dass die Dokumentation kostenfrei in der Mediathek des österreichischen öffentlichen Rundfunks (ORF On) verfügbar ist. Unser TV-Gerät beherrscht Netflix, YouTube etc. und hat auch eine ORF-On-App. Es wurde ein gemütlicher Abend mit einer Ersparnis von 5 Euro.
Die Hybris von YouTube erinnert mich an das Cloud-Vorhaben von SAP und an eine Aussage von Telekom-Chef Tim Höttges auf der Hauptversammlung des Konzerns dieses Jahr in Bonn (siehe auch Editorial, Seite 3 dieser Ausgabe). „Wir waren zu arrogant“, kommentierte Höttges das zurückliegende Geschäftsgebaren. Der Wettbewerb im Internet macht viel Angebot kostenfrei. Der Skalierungsfaktor des Webs ermöglicht günstige Angebote. Wahrscheinlich hätten wir auch 9 Euro für das Igor-Levit-Video bezahlt. Mit einer anonymen Zahlung. Ein offensichtlicher Kontroll- und Überwachungszwang von YouTube verschreckt uns!
Und SAP? SAP verändert derzeit fundamental die Spielregeln für die Datennutzung im Cloud-Zeitalter und versucht mit teils restriktiven Maßnahmen, die absolute Kontrolle über die wertvollen ERP-Datenbestände der Kunden zu behalten.
Es gibt einen strategischen Richtungswechsel, bei dem das Herunterladen großer Datenmengen massiv eingeschränkt und streng reglementiert wird. SAP hat präzise geregelt, unter welchen Bedingungen Bestandskunden ihre eigenen Daten in Systeme anderer Anbieter übertragen dürfen, um zu verhindern, dass externe KI-Agenten oder Drittanwendungen ohne ausdrückliche Genehmigung – und ohne entsprechende Lizenzgebühren – auf den historischen Datenschatz zugreifen.
Dieser restriktive Ansatz beim Datenexport, der bei externen Zugriffen oftmals in die gefürchtete Lizenz- und Kostenfalle des „Digital Access“ mündet, zwingt die Unternehmen de facto
in die neuen Architekturkonzepte der Walldorfer. Anstatt den Kunden den massenhaften, freien und unregulierten Export ihrer Daten über traditionelle APIs oder SQL-Schnittstellen zu gestatten, positioniert SAP die Business Data Cloud (BDC) als die einzig legitime Drehscheibe. Die scheinbare Freiheit des Zero-Copy sichert SAP die dauerhafte semantische Hoheit über die Daten und zementiert einen tiefgreifenden Vendor-Lock-in. No Fear, oder?



