KI-Agenten im Composable-ERP


Agentic AI: von der Lieferkettensteuerung bis zum Finanzabschluss.
Die strategische Begründung von SAP-Chef Christian Klein für den „All-in on AI“-Kurswechsel ist bestechend: Künstliche Intelligenz benötige zwingend die proprietären Geschäftsdaten und die tiefe Prozesslogik eines ERP-Systems, da isolierte Sprachmodelle ohne diesen spezifischen Unternehmenskontext zu gefährlichen Halluzinationen neigen und keinen verlässlichen betriebswirtschaftlichen Mehrwert liefern können.
Durch den Einsatz des KI-Copiloten SAP Joule und kollaborierender Multi-Agenten-Systeme verspricht SAP den Anwendern gewaltige Produktivitätsschübe und Kosteneinsparungen von bis zu 30 Prozent, da repetitive Routineaufgaben künftig nahezu komplett von Maschinen übernommen werden sollen.
SAP Joule for Consultants
Ein zentrales, organisatorisches und technisches Werkzeug dieser KI-Offensive ist „SAP Joule for Consultants“, ein spezialisierter Assistent, der Beratern und Key-Usern das geballte Wissen aus SAP Notes, offiziellen Dokumentationen und Best Practices zielgerichtet zur Verfügung stellt, um die oftmals zähen, teuren und schmerzhaften S/4-Transformationsprojekte massiv zu beschleunigen.
Das architektonische Fundament für die ganzheitliche agentische Vision bildet der generative AI Hub auf der Business Technology Platform (SAP BTP). SAP positioniert sich hierbei nicht als Entwickler eigener universaler Basismodelle, sondern agiert als Broker, der eine Orchestrierungsschicht bereitstellt, über die Bestandskunden auf leistungsstarke Large Language Models (LLMs) von Partnern und Hyperscalern wie OpenAI, Anthropic, Amazon oder Meta zugreifen können. Entwickler in den Anwenderunternehmen sollen mithilfe von Werkzeugen wie dem SAP-Joule-Studio befähigt werden, eigene, maßgeschneiderte KI-Agenten zu konstruieren, die das externe KI-Wissen mit den sensiblen internen SAP-Daten sicher verknüpfen.
Toxische Mischung aus Technik und Marketing
Blickt man jedoch mit kritischer Distanz auf diese wolkigen SAP-Hochglanzversprechen, entpuppt sich die KI-Strategie für viele SAP-Bestandskunden oftmals als toxische Mischung aus unfertiger Technik und Organisation sowie einem vertrieblichen Zwangskorsett. In der Realität der IT-Abteilungen lautet das vernichtende Urteil vieler Entwickler und Berater, dass das laute SAP-Marketing der tatsächlichen operativen Reife meilenweit voraus ist und es der SAP’schen KI-Technik noch an essenziellen Fähigkeiten für den fehlerfreien Alltagseinsatz mangelt.
Autonome KI-Agenten, die selbstständig geschäftskritische Buchungen oder Bestellungen vornehmen, erfordern eine exzellente Datenqualität und eine lückenlose Governance, die in den historisch gewachsenen, fragmentierten Datenlandschaften vieler Bestandskunden schlichtweg noch nicht existiert. Diese Skepsis untermauert auch der aktuelle Investitionsreport der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG), der die SAP´schen KI-Träume schonungslos demaskiert: Wenn Unternehmen heute produktive KI-Anwendungsfälle in ihren Geschäftsprozessen realisieren, greifen alarmierende 77 Prozent auf Non-SAP-Lösungen zurück, während lediglich marginale drei Prozent die originären KI-Werkzeuge von SAP im Tagesgeschäft nutzen.
Rise with SAP und der KI-Zuckerguss
Die existenziellste Gefahr für den souveränen Bestandskunden verbirgt sich jedoch in der kommerziellen Erpressung durch den SAP-Vorstand, der den KI-Zuckerguss gezielt als Hebel missbraucht, um zögerliche Unternehmen in teure Public-Cloud-Verträge wie Rise with SAP oder Grow with SAP zu zwingen. Wer seine Systeme aus Compliance- oder Datensouveränitätsgründen weiterhin on-prem betreibt, wird von essenziellen KI-Innovationen und dem Assistenten Joule schlichtweg ausgeschlossen.
Die SAP-Bestandskunden fürchten in diesem Zusammenhang nicht nur einen unausweichlichen Vendor-Lock-in und völlig intransparente Lizenzkosten für die indirekte KI-Datennutzung, sondern auch den Aufbau einer unbeherrschbaren „Frankenstein-Architektur“, bei der KI-Agenten unterschiedlichster Softwarehersteller in einem unregulierten, chaotischen Flickenteppich unkontrolliert miteinander kollidieren.
Letztlich muss der aufgeklärte Anwender erkennen, dass Christian Klein im Bereich der künstlichen Intelligenz primär als Getriebener der Finanzmärkte agiert, der zwingend eine Wachstumsstory für den eigenen Aktienkurs liefern muss, anstatt seinen Kunden eine wirtschaftlich sichere, ethisch ausgereifte und vor allem betriebsmodellunabhängige KI-Evolution auf Augenhöhe zu garantieren.
Ähnlich wie das Kunstgeschöpf Frankenstein aus zahlreichen Körperteilen verstorbener Menschen zusammengesetzt wurde, erscheint aktuell auch das „All-in on AI“-Angebot von SAP-Chef Christian Klein. Nicht von ungefähr hat sein Vorstandskollege Thomas Saueressig bereits vor einem halben Jahr vor einer ERP-Frankensteinarchitektur gewarnt. Können KI-Agenten das Monster Frankenstein bändigen?
Unter dem lauten Mantra „All-in on AI“ inszeniert SAP-Chef Christian Klein eine weitreichende organisatorische, technische und lizenzrechtliche Neuausrichtung, bei der KI die traditionelle ERP-Unternehmenssoftware fundamental neu definieren und revolutionieren soll. Aber die Gefahr ist groß, dass aus einem Composable ERP eine Frankenstein-Architektur-KI wird.






