Hobbyinformatiker

Weil SAP keine Akzeptanz bei IT-Experten, Informatikern und Systemingenieuren findet, wendet sich der ERP-Konzern an seine Anwender und versucht diese zum dilettantischen Programmieren zu animieren. Was soll hier gebaut werden?
Peter M. Färbinger, E3 Magazin
10. Februar 2023
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Fachkräftemangel: SAP „No-Code/Low-Code“ Build soll Wissen in Unternehmen freisetzen

Auf der TechEd-Konferenz hat SAP Build ein neues Angebot vorgestellt, das die Expertise derjenigen nutzen soll, die sich am besten im Unternehmen auskennen: die Mitarbeitenden in den Fachabteilungen. SAP Build ist ein Low-Code-Angebot, das die SAP Business Technology Platform (BTP) nutzt. Es soll Nutzern Zugang zur Unternehmenstechnik von SAP und direkten Zugriff auf durchgängige Prozesse und Daten ermöglichen sowie den notwendigen Kontext, um intelligentere Entscheidungen zu treffen und Innovationen schnell voranzubringen.

SAP Build
Die ganze Welt von SAP Build: Damit lassen sich konsistente End-to-End-Geschäftsprozesse konstruieren, aber wahrscheinlich sind die meisten Anwender mit dieser Programmieraufgabe überfordert.

Was jedoch SAP-Technikvorstand Jürgen Müller bei seiner Vorstellung von Build nicht verriet: woher die Mitarbeitenden aus den Fachabteilungen das umfangreiche BTP-, Prozess- und Datenstrukturwissen beziehen sollen. BTP ist eine leistungsfähige und umfassende Plattform im S/4-Hana-System. Die Fähigkeit, auf dieser Plattform nun ERP-Prozesse zu entwickeln, sei es mit Abap, Java oder Build, ist wahrscheinlich nicht jedem SAP-Endanwender in die Wiege gelegt worden.

SAP Build bringt die leistungsstärksten Unternehmensanwendungen auf einer Plattform zusammen, die eigens dafür konzipiert wurde, Geschäftsanwendern in kürzester Zeit neue Möglichkeiten zu eröffnen.

Jürgen Müller, Technikvorstand, SAP

„SAP hat mit Build ein Low-Code-Angebot vorgestellt, das die Business Technology Platform nutzt und es Anwenderinnen und Anwendern mit minimalen technischen Kenntnissen ermöglichen soll, SAP-Unternehmensanwendungen zu erweitern, Prozesse zu automatisieren und Weboberflächen per Drag-and-drop zu einem Prototyp zusammenzusetzen“, kommentieren Jens Hungershausen, Vorstandsvorsitzender, und Sebastian Westphal, Technologievorstand der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe. Aus DSAG-Sicht ist es selbstverständlich, dass SAP leicht zu erstellende und bedienbare Anwendungen bauen sollte – und das nicht nur für Laien, sondern auch für SAP-Expertinnen und -Experten.

„Dennoch ist SAP Build vom Ansatz her eine Lösung, die wir als DSAG begrüßen. Sie kann ein probates Mittel sein, um dem Fachkräftemangel in vielen Bereichen die Spitze zu nehmen und die vielfach in Unternehmen existierende Schatten-IT zu reduzieren. Allerdings muss jedem klar sein, dass es sich bei dieser Lösung nicht um einen Ersatz für die klassische Software-Entwicklung handelt und sich daher erst zeigen muss, bis zu welchem Grad der Prozesstiefe sich das Angebot in der Praxis bewährt“, ergänzen die beiden DSAG-Vorstände.

Sebastian Westphal, DSAG

Wie eine DSAG-Umfrage gezeigt hat, ist eine Vielzahl unserer Mitglieder nach wie vor im On-prem-Umfeld unterwegs.

Sebastian Westphal,
Technologievorstand, DSAG

Das SAP-Werkzeug soll es Anwendern ermöglichen, mit minimalen technischen Kenntnissen Unternehmensanwendungen zu erstellen und zu erweitern, Prozesse zu automatisieren und Weboberflächen einfach per Drag-and-drop zu einem Prototyp zusammenzusetzen. „SAP Build bringt die leistungsstärksten Unternehmensanwendungen der Welt auf einer Plattform zusammen, die eigens dafür konzipiert wurde, Geschäftsanwendern in kürzester Zeit neue Möglichkeiten zu eröffnen“, sagt Jürgen Müller, Mitglied des Vorstands und Chief Technology Officer der SAP. „SAP Build und das gesamte Angebot an Innovationen, das wir heute vorstellen – von unserer neuen Partnerschaft mit Coursera bis hin zu den Erweiterungen für unser gesamtes Portfolio –, helfen Kunden, sich in einem volatilen wirtschaftlichen Umfeld zukunftssicher aufstellen und maximalen Nutzen aus ihren Technologieinvestitionen ziehen zu können.“

In diesem SAP-Ecosystem sollen in Zukunft die Endanwender mit ihren Fachkenntnissen eigene Geschäftsprozesse programmieren. Fällt es Experten schon schwer, den Überblick zu behalten, so könnte es für Hobbyprogrammierer vom Datenzugriff bis zur Orchestrierung noch schwieriger werden.

BTP, Signavio und Hana

Dass SAP Build zudem die Business Technology Platform nutzt und mit SAP Signavio integriert ist, zeigt, dass SAP den Weg in die Cloud-only-Welt konsequent weitergehen will, ist der SAP-Anwenderverein überzeugt. Es ist ein Weg, der aus DSAG-Sicht durchaus opportun und nachvollziehbar ist, auch wenn mit dem Prozessanalysewerkzeug Signavio eine weitere und komplexe Schicht hinzukommt, die nun die zukünftigen Hobbyprogrammierer beherrschen sollen. Sollte das Experiment gelingen, dann werden viele IT-Experten arbeitslos, denn bisher blieb es nur einer kleinen Gruppe von Informatikern vorbehalten, die enorme Spannweite von BTP über Hana bis Signavio zu kontrollieren und zu verstehen.

„Wie eine unserer letzten Umfragen gezeigt hat, ist eine Vielzahl unserer Mitglieds-unternehmen jedoch nach wie vor stark im On-prem-Umfeld unterwegs. Daher wäre es wünschenswert, dass die mögliche Integration und Nutzung im ECC-Umfeld zur Unterstützung der Transformationsprogramme für die Mitgliedsunternehmen greifbar und umsetzbar dargestellt werden“, merken Jens Hungershausen und Sebastian Westphal kritisch an. „Gerade in Bezug auf die Erweiterung von SAP-Anwendungen ist es wichtig, dass die zweifellos zielführenden Möglichkeiten der Lösung auch konsequent den Unternehmen zugutekommen, die noch nicht auf Cloud-Lösungen setzen wollen oder können – und dass die Nutzbarkeit für ECC-Kunden bis zum von SAP kommunizierten Wartungsende sichergestellt wird“, ist die DSAG-Meinung.

Jens Hungershausen

Die Lösung ist ein interessantes Angebot, allerdings liegt der Fokus auf resultierenden Transformationsprojekten.

Jens Hungershausen,
Vorstandsvorsitzender, DSAG

Mit Build soll den Anwendern die volle Leistungsfähigkeit der Business Technology Platform zur Verfügung stehen. Nach Meinung von SAP können Endanwender leicht Systeme integrieren, Prozesse auf intelligente Weise überwachen, analysieren und automatisieren und innovative Anwendungen entwickeln, ohne ihre Daten in ein externes System verlagern zu müssen. Durch die Integration mit Signavio bietet Build den Anwendern einen vollständigen Überblick über ihre Prozesse. So sollten sie wissen, worauf sie sich konzentrieren müssen, um die besten Ergebnisse hinsichtlich Innovationen und Automatisierung zu erzielen. Über 275.000 Prozess-Referenzpunkte von 4000 Kunden und 1300 anwendungsspezifische Workflows und Automatisierungen ermöglichen es Anwendern, sofort auf das gesamte in der SAP-Plattform integrierte Fachwissen zurückgreifen zu können. Das neue Build-Programm hilft Anwendern, sich schnell einzuarbeiten und sich mit anderen Lernenden über praktische Übungen und Foren zu Best Practices auszutauschen.

Der Verein DSAG sieht auch für die DSAG-Academy Anknüpfungspunkte. Durch zahlreiche Kooperationen bietet der Anwenderverein vergünstigte Weiterbildungen im Bereich der digitalen Transformation sowie hinsichtlich aktueller und künftiger Kompetenzen im SAP-Umfeld an. Dazu gehören z. B. eine Cloud-Enablement-Initiative in Kooperation mit Hyperscalern und SAP-Kurse wie Abap-Programmierung und Einführung in die BTP, die den Bedarf in den DSAG-Gremien widerspiegeln. Gegebenenfalls könnte auch die DSAG-Academy hinsichtlich des Low-Code-Angebots von SAP ihr Portfolio um Angebote für Anwenderinnen und Anwender mit weniger technischem Know-how erweitern.

„Die Nachfrage nach modernen digitalen Lösungen ist deutlich größer als die Kapazität der professionellen Entwickler, diese bereitzustellen“, sagt Arnal Dayaratna, Research Vice President Software Development bei IDC. „IDC erwartet, dass in den kommenden zehn Jahren weltweit mehr als 100 Millionen Unternehmens-anwender in die Entwicklung digitaler Lösungen einbezogen werden. Mit den Low-Code-Entwicklungslösungen von SAP Build können Geschäftsanwender ihr Fachwissen nutzen, um digitale Lösungen schnell und in großem Umfang zu entwickeln und zu optimieren.“

Besonders positiv ist aus DSAG-Sicht die Ankündigung zu bewerten, dass Build nicht nur eine enge Integration in die SAP-Kernprodukte ermöglichen soll, sondern sich auch in bestehende IT-Governance und Sicherheitskonzepte integrieren und langfristig upgrade- und releasefähig sein soll – muss doch die IT-Abteilung am Ende die Betriebsfähigkeit der gesamten SAP-Lösungen sicherstellen und jedes Unternehmen gegenüber Auditoren und Wirtschaftsprüfern jederzeit zu Business- und IT-Prozessen aussagefähig sein können. Mit diesem realistischen Anspruch sind die zukünftigen Hobbyinformatiker jedoch noch weiter gefordert als ein fokussierter Abap- und Java-Programmierer. Build ist damit ein Tool, das dem Hype um No-Code und Low-Code mit einem anspruchsvollen Produktkonzept begegnet. SAP und Anwenderunternehmen sind nun in den kommenden Monaten und Jahren gefordert zu zeigen, wie das Angebot auch in komplexen Szenarien eingesetzt werden kann.

„Zudem ist die neue Lösung für eine Vielzahl der Anwenderunternehmen sicherlich ein interessantes Angebot, allerdings liegt der Fokus der Unternehmen unverändert auf den aus den End-of-Life-Terminen vieler langjähriger SAP-Lösungen resultierenden Transformationsprojekten und -programmen. Die SAP-Roadmaps sind hier noch prall gefüllt und bedürfen einer priorisierten Umsetzung – das neue Angebot SAP Build schafft hier keine Abhilfe“, meinen Jens Hungershausen, Vorstandsvorsitzender, und Sebastian Westphal, Technologievorstand der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe, abschließend.

„Dank SAP Build konnten wir auf einfache Weise ein besseres Erlebnis für unsere Kunden schaffen und gleichzeitig unsere Entwicklungskosten um 90 Prozent senken“, sagt Spencer Cook, XM Advocates Lead beim Experience-Management-Unternehmen Qualtrics, an dem SAP eine Aktienmehrheit hält. „Ich selbst war sehr schnell in der Lage, in kürzester Zeit eine Anwendung zu entwickeln, die unser Referenzprogramm verbessern und die Kundenzufriedenheit steigern wird.“

Zertifizierte Lernangebote

Jedes Unternehmen sei  auf dem Weg zum Technologieunternehmen, meint SAP-Technikvorstand Jürgen Müller. SAP ist sich bewusst, dass die Bedeutung professioneller Entwickler weiterwachsen wird. SAP verpflichtete sich deshalb, bis 2025 weltweit zwei Millionen Entwickler weiterzubilden. Dazu soll das kostenlose Schulungsangebot auf der SAP Learning Website verdreifacht werden. Außerdem arbeitet SAP künftig eng mit der weltweit führenden Lernplattform Coursera zusammen, um so neue Zielgruppen zu erreichen. „SAP führt heute ein Professional-Zertifikat für Einsteiger auf Coursera ein. Dieses Zertifikat richtet sich an Lernende mit unterschiedlichem Hintergrund, ein Hochschulabschluss oder Branchenerfahrung ist nicht erforderlich“, sagt Jeff Maggioncalda, CEO von Coursera. „Das Zertifikat bereitet auf Einstiegspositionen in einigen der am meisten nachgefragten Bereiche vor. Wir freuen uns, mit SAP zusammenzuarbeiten, um den Zugang zu berufsbezogenen Fähigkeiten zu verbessern.“

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Peter M. Färbinger, E3 Magazin

Peter M. Färbinger, Herausgeber und Chefredakteur E3-Magazin DE, US und ES (e3mag.com), B4Bmedia.net AG, Freilassing (DE), E-Mail: pmf@b4bmedia.net und Tel. +49(0)8654/77130-21


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Der Steampunk und BTP Summit 2024 findet am Mittwoch und Donnerstag, 28. und 29. Februar 2024, im Hotel Hilton Heidelberg, Kurfürstenanlage 1, statt. Veranstalter ist das E3-Magazin des Verlags B4Bmedia.net AG. Die Vorträge werden von einer Ausstellung ausgewählter SAP-Partner begleitet. Die Teilnahmegebühr für den zweitägigen Summit beträgt Euro 590 exkl. USt. Bis Donnerstag, 30. November 2023, gibt es einen Early-Bird-Tarif von Euro 440 exkl. USt. Die Gebühr beinhaltet den Besuch aller Vorträge, des Ausstellungsbereichs, die Teilnahme an der Abendveranstaltung sowie die Verpflegung während des offiziellen Programms. Das Vortragsprogramm und die Liste der Aussteller und Sponsoren (SAP-Partner) wird zeitnah auf dieser Website veröffentlicht.
Der Steampunk und BTP Summit 2024 findet am Mittwoch und Donnerstag, 28. und 29. Februar 2024, im Hotel Hilton Heidelberg, Kurfürstenanlage 1, statt. Veranstalter ist das E3-Magazin des Verlags B4Bmedia.net AG. Die Vorträge werden von einer Ausstellung ausgewählter SAP-Partner begleitet. Die Teilnahmegebühr für den zweitägigen Summit beträgt Euro 590 exkl. USt. Bis Donnerstag, 30. November 2023, gibt es einen Early-Bird-Tarif von Euro 440 exkl. USt. Die Gebühr beinhaltet den Besuch aller Vorträge, des Ausstellungsbereichs, die Teilnahme an der Abendveranstaltung sowie die Verpflegung während des offiziellen Programms. Das Vortragsprogramm und die Liste der Aussteller und Sponsoren (SAP-Partner) wird zeitnah auf dieser Website veröffentlicht.