Business Data Fabric und Business Data Complexity


SAP-Versuch: Data Fabric
Technisch agiert SAP BDC als sogenannte Business Data Fabric, die darauf abzielt, die in historisch gewachsenen Unternehmenslandschaften fragmentierten ERP-Datensilos zwischen transaktionalen Systemen wie S/4, SuccessFactors, Concur oder Alt-ECC-Systemen sowie externen Datenquellen zu harmonisieren und in einen einheitlichen, semantisch angereicherten Geschäftskontext zu überführen.
Aus einer kritischen Perspektive ist die Einführung der BDC jedoch zugleich das offizielle Eingeständnis der SAP, dass frühere Eigenentwicklungen wie der ressourcenintensive SAP Data Hub am Markt gescheitert sind und SAP das Thema Master Data Management sowie Big Data Analytics über Jahre hinweg verabsäumt hat.
Databricks, Snowflake und Co.
Der wichtigste Baustein der SAP BDC ist die Kooperation mit Databricks: Unter der Bezeichnung SAP Databricks wird die Data-Intelligence- und Lakehouse-Plattform direkt in BDC eingebunden. Über eine Schnittstelle namens Zero-copy Connectivity wird mittels Delta Sharing synchronisiert, um Data Engineering, Apache-Spark-Workloads und maschinelles Lernen auf SAP-Daten ausführen zu können, ohne die Daten physisch kopieren zu müssen.
Ergänzt wird dieses Geflecht durch SAP Snowflake sowie SAP BDC Connect for Snowflake, wodurch SAP-Bestandskunden bidirektional und in Echtzeit auf Datenprodukte zugreifen und KI-Anwendungen in der Snowflake AI Data Cloud erstellen können. Darüber hinaus bietet das BDC-Ökosystem native Anbindungen an Google BigQuery für skalierbare Cloud-Analysen, Collibra für unternehmensweite Data Governance und Metadaten-Lineage, Confluent für das Streaming von Echtzeitdaten sowie DataRobot für automatisierte Machine-Learning-Prozesse. Diese Partnerstrategie ist eine Abkehr vom klassischen, starren Extract-Transform-Load-Ansatz (ETL) zugunsten einer föderierten Datenarchitektur, bei der Daten virtuell verknüpft an ihrem Ursprungsort verbleiben.
Business Data Complexity
In der Praxis der Anwender stößt dieses theoretische Konzept beim deutschsprachigen SAP-Anwenderverein DSAG jedoch auf erhebliche Skepsis und scharfe Kritik. Obwohl der ehemalige DSAG-Technikvorstand Sebastian Westphal und DSAG-Chef Jens Hungershausen die Etablierung einer Data-as-a-Product-Philosophie und die technische Öffnung für etablierte Lakehouse-Architekturen grundsätzlich als richtigen Schritt bewerten, verspottet die SAP-Community die BDC aufgrund ihrer unübersichtlichen Lizenz- und Vertragsbedingungen spöttisch als „Business Data Complexity“.

Eine DSAG-Umfrage unter den Mitgliedsunternehmen offenbart ein gravierendes Akzeptanz- und Aufklärungsdefizit: 31 Prozent der befragten Unternehmen kannten die BDC überhaupt nicht, und lediglich marginale 15 Prozent gaben an, wirklich vertraut mit der Lösung zu sein. Die DSAG fordert vehement, dass die BDC für alle Bestandskunden – unabhängig davon, ob diese in der Cloud oder On-prem arbeiten – frei von kommerziellen Knebelkonstrukten gestaltet werden muss. Ein besonderer Eklat entflammte auf den DSAG-Technologietagen 2026 in Hamburg, als versteckte Vertragsklauseln enthüllt wurden: Für BDC-Anwender gelten nun strenge Limits für OData-API-Aufrufe (maximal 2.000 Calls pro Gigabyte Compute Memory) sowie Beschränkungen beim OpenSQL-Datentransfer, was im Vergleich zur bisherigen Datasphere-Nutzung eine erhebliche funktionale Verschlechterung darstellt.
Kaufmännische Risiken mit SAP BDC
Die kommerzielle Gestaltung der Business Data Cloud birgt für den CFO erhebliche kaufmännische Risiken und unkalkulierbare Kostenfallen. Die Abrechnung der BDC erfolgt nicht mehr über klassische Benutzerlizenzen, sondern über verbrauchsbasierte Capacity Units (CUs) oder über Kreditmodelle wie das Cloud Platform Enterprise Agreement (CPEA) beziehungsweise das BTP Enterprise Agreement (BTPEA).
Das aktuelle Rheinwerk-Buch „SAP Business Data Cloud“ weist nüchtern darauf hin, dass Unternehmen, die bestehende SAP-BW-Systeme in die BDC gehoben haben (BW Private Cloud Edition), eine enorme Menge an kostenintensiven Capacity Units benötigen, nur um den grundlegenden Betrieb aufrechtzuerhalten.
BDC Bill Shock
Zudem kritisiert die DSAG gemeinsam mit Lizenzexperten die unbarmherzige Verfallslogik dieser Kreditmodelle: Im Voraus bezahlte BTP-Credits verfallen am Ende des Vertragsjahres ersatzlos, wenn sie mangels produktiver Anwendungsfälle nicht verbraucht wurden, während jede unplanmäßige Lastspitze sofort zu unrabattierten Listenpreisen nachberechnet wird.
Flankiert wird dieses Kostenregime durch die restriktive SAP API Policy und das Lizenzmodell Digital Access: Wer versucht, Massendaten aus der BDC oder dem ERP-Kern zu Drittsystemen zu exportieren, wird mit saftigen Gebühren belegt, weshalb BDC von SAP gezielt als monetarisierte Mautstelle positioniert wird, um die Kunden im eigenen Ökosystem einzuzäunen.
SAP Autonomous Enterprise und Knowledge Graph
Im strategischen Zielbild der SAP bildet die BDC das unverzichtbare Datenfundament für das sogenannte SAP Autonomous Enterprise. Autonome KI-Agenten und der KI-Copilot Joule sind für ihre Entscheidungsfindung zwingend auf verlässliche, semantisch angereicherte Daten angewiesen, um halluzinationsfreie Ergebnisse im Hauptbuch zu liefern.
Der im ersten Quartal 2025 eingeführte SAP Knowledge Graph greift auf die BDC-Datenprodukte zu und übersetzt die über sieben Millionen Datenfelder und zehntausende Entitäten des S/4-Universums in ein maschinenlesbares Graphenmodell aus Knoten und Kanten.
SAP Vendor-Lock-in mit BAIP
Auf der internationalen Kundenkonferenz Sapphire 2026 Orlando kündigte SAP-Chef Christian Klein die nächste Stufe dieser Evolution an: Die Verschmelzung der BTP, der Business Data Cloud und der AI Foundation zur neuen SAP Business AI Platform (BAIP). In diesem Gesamtgefüge übernimmt S/4 die Rolle des transaktionalen Hauptbuchs (System of Record), SAP BTP stellt die technische Erweiterungsinfrastruktur bereit, SAP BDC orchestriert als Business Data Fabric die universellen Datenprodukte über Cloud-Grenzen hinweg, und SAP Business AI bildet die kognitive Intelligenzschicht für die Prozessautomatisierung.
Für einen SAP-Bestandskunden lautet das Fazit: Die BDC bietet zwar eine moderne Architektur zur Datenharmonisierung, birgt jedoch erhebliche Gefahren durch intransparente Verbrauchsgebühren und vertraglichen Vendor-Lock-in, weshalb IT-Entscheider ihre Datenarchitektur konsequent entkoppeln und die kommerziellen Bedingungen vor der Unterzeichnung akribisch prüfen müssen.




