Applications change, Data stays


Der Begriff der humanistischen Superintelligenz, im englischen Original „Humanist Superintelligence“, ist die kognitive Ansage aus dem Silicon Valley, die von der Microsoft-AI-Sparte (MAI) als neues strategisches und moralisches Leitbild für die Entwicklung künstlicher Intelligenz propagiert wird.
Dahinter verbirgt sich der ambitionierte Anspruch, die weltweit fähigsten und fortschrittlichsten KI-Systeme zu erschaffen, die gleichzeitig absolut kontrollierbar, ethisch ausgerichtet und fest in den Dienst der Menschheit gestellt bleiben. Microsoft definiert dieses humanistische Fundament über weiche, fast schon philosophisch anmutende Kernwerte wie Freundlichkeit (Kindness), Vertrauen, Qualität, Einfachheit sowie Sicherheit und eine ständige Evaluierung.
Für den SAP-Bestandskunden erfordert dieses Narrativ eine kritische Analyse, denn die Kluft zwischen ethischem IT-Marketing und der harten betriebswirtschaftlichen ERP-Realität könnte kaum größer sein. Large Language Models haben sich bereits als unpassend für ERP erwiesen, weil LLMs lediglich auf Sprache und Statistik beruhen. Wohlweislich hat SAP-Chef Christian Klein das deutsche Start-up Prior Labs erworben, wo KI-Systeme auf Basis von Zahlenwerten entstehen, denn semantische Freundlichkeit hat in einem Autonomous Enterprise nichts verloren!
Wenn die KI-Entwickler beteuern, dass die Art und Weise der menschlichen Zusammenarbeit definiert, was gebaut wird, und dass die Menschheit im Zentrum jeder algorithmischen Entscheidung steht, wird gezielt versucht, das fundamentale gesellschaftliche Misstrauen gegenüber unkontrollierbaren Blackbox-Systemen zu besänftigen. Das propagierte Entwicklungsprinzip der „Kindness“ findet sich interessanterweise auch in sozioökonomischen Diskursen wieder, etwa in Oona Horx Stratherns Konzept der „Kindness Economy“, das einen humanistischen Gegenentwurf zum rücksichtslosen Kapitalismus darstellt und freundliche, menschenzentrierte Ökonomie als entscheidenden Wettbewerbsvorteil definiert.
Überträgt der SAP-Bestandskunde diese hehre Vision jedoch auf eine S/4-Transformation und die von SAP-Chef Christian Klein ausgerufene Ära des Autonomous Enterprise, entlarvt sich die humanistische Superintelligenz einer Microsoft schnell als ein notwendiges, aber trügerisches Konstrukt, um die Akzeptanz der nervösen IT-Anwender-Basis zu erlangen. Die Herausforderung scheint nicht freundlich zu sein, sondern die Volatilität von Agentic AI und die Orchestrierung der ERP-Daten. Algorithmen sind wandelbar, Daten sind das ERP-Fundament. Die ERP-Orchestrierung basiert auf Daten – das Master Data Management!
SAP-Bestandskunden sollten wissen, dass selbst eine ethisch programmierte, humanistische KI auf probabilistischen Wahrscheinlichkeitsrechnungen (Large Language Models) basiert, die mathematisch unausweichlich strukturellen Halluzinationen unterliegen.
Ein agentisches KI-System, das im Hintergrund von S/4 Hana eigenmächtig globale Lieferketten steuert oder sensible Finanztransaktionen anstößt, kann nicht durch bloße philosophische Leitplanken wie „Vertrauen“ und „Sicherheit“ vor faktisch falschen Ableitungen geschützt werden. Der Anspruch von Microsoft AI, dass die Systeme in jedem Fall kontrollierbar bleiben, übersieht die bewiesenen informationstheoretischen Grenzen nach Kurt Gödel und Alan Turing, die unumstößlich belegen, dass eine perfekte, fehlerfreie Wahrheitsmaschine schlichtweg unmöglich ist.
Aus diesem Grund ist der humanistische Ansatz für den SAP-Bestandskunden weniger eine garantierte Eigenschaft der eingekauften Software, sondern vielmehr ein zwingender, dauerhafter organisatorischer Auftrag an das eigene Unternehmen. Die zunehmende Automatisierung durch Systeme wie SAP Joule oder externe Microsoft-Modelle macht menschliche Fähigkeiten wie Empathie, ethische Entscheidungsfindung und das Bilden von Vertrauen nicht obsolet, sondern erhebt sie im Gegenteil zum wichtigsten Asset am zukünftigen Arbeitsplatz.
Der Mensch fungiert in der Symbiose aus menschlicher und künstlicher Intelligenz nicht länger als reiner Ausführer von Transaktionscodes, sondern rückt in die unerlässliche Rolle eines „Human in the Loop“ oder gar „Human above the Loop“, der die finalen Entscheidungen verantwortet, ethische Grenzen zieht und die Ergebnisse der KI kritisch validiert. Wer als ERP-Architekt den Verheißungen einer humanistischen Superintelligenz blind vertraut und ihr die operative Souveränität über sein ERP-System ohne stringente menschliche Kontrollinstanz überlässt, handelt hochgradig fahrlässig.



