Autonomous Enterprise versus Composable ERP


Plattformen, Engines und Hubs
SAP hatte alles, was ein ERP-Anwender für eine moderne Unternehmensanwendung braucht: Vieles war zu teuer, zu komplex und oft auch redundant, sodass ein ERP-Problem sich mit unterschiedlichen SAP-Werkzeugen lösen ließ. Aber der SAP-Bestandskunde zögerte, weil niemand wusste, welche Produkte eine verifizierte Roadmap haben und welche Produkte überraschen durch Zukäufe abgelöst werden. Das SAP-Angebot war unüberschaubar und ist durch die aktuellen Ankündigungen rund um die Sapphire in Orlando noch mehr gewachsen und noch komplexer geworden. Was nun? Wer liefert die Antworten zur SAP Integration Suite über die Hana-Knowledge-Graph-Engine bis hin zur n8n-Kooperation? Und wer obsiegt am Ende: SAP-RPT oder Prior Labs?
Auf der Sapphire hat SAP-Chef Christian Klein die ERP-Karten neu gemischt: Architektonisch baut SAP das autonome Zielbild in mehreren Schichten auf, deren Fundament die sogenannte Business AI Platform bildet, in der die technischen Säulen der Business Technology Platform (SAP BTP), der Business Data Cloud (SAP BDC oder wie der Anwenderverein DSAG formuliert: Business Data Complexity) sowie Werkzeuge wie Signavio und LeanIX zusammengeführt werden, um KI-Lösungen zu entwickeln und bereitzustellen. Das essenzielle Bindeglied zwischen dieser neuen Plattform und den eigentlichen Applikationen soll ein „SAP Knowledge Graph“ (die alte Graph-Engine aus der Hana-Datenbankplattform) sein, der die historisch gewachsenen und oft hochkomplexen SAP-Daten für KI-Agenten überhaupt erst strukturiert lesbar und abrufbar machen soll.
Von ECC 6.0 zum selbstfahrenden ERP
Das neue und operative Herzstück bildet laut Christian Klein die „SAP Autonomous Suite“, in der SAP mehr als 50 domänenspezifische Joule-Assistenten für die klassischen Geschäftsbereiche wie Finanzen, Lieferkette oder Beschaffung verspricht. Diese Assistenten sollen künftig als digitale Koordinatoren agieren und eine Untergruppe von über 200 spezialisierten KI-Agenten steuern, um ganze End-to-End-Prozesse – wie etwa den Quartalsabschluss in der Finanzabteilung – weitgehend autonom auszuführen und den Zeitaufwand von Wochen auf wenige Tage zu reduzieren.
Der ERP-Anwender interagiert dabei idealerweise nur noch über die übergeordnete Nutzeroberfläche „Joule Work“, wo er seine Intentionen per natürlicher Spracheingabe äußert, während die KI proaktiv Erkenntnisse aufzeigt und Routineaufgaben im Hintergrund maschinell erledigt.
Blickt man jedoch mit journalistischer Distanz hinter die Kulissen dieser autonomen Vision, zeigt sich für den SAP-Bestandskunden ein weitaus nüchterneres Bild, das der Anwenderverein DSAG bereits analysiert hat. Die etablierten Kernapplikationen und die bekannten Software-as-a-Service-Lösungen von SAP bleiben in der neuen Architektur faktisch völlig unangetastet bestehen; sie werden lediglich strategisch neu sortiert, mit dem Präfix „Autonomous“ versehen – wie etwa „Autonomous Finance“ oder „Autonomous Procurement“ – und um diverse KI-Agenten ergänzt.
Ob die Beschaffung also künftig als autonom beworben wird, ändert nichts an der Tatsache, dass im Maschinenraum weiterhin die bekannten Cloud-Lösungen wie SAP Ariba oder das SAP Business Network arbeiten. Für die aktuelle Systemlandschaft der Bestandskunden und für bereits laufende S/4-Umstellungen hat dieser strategische Wechsel laut DSAG-Einschätzung somit keine unmittelbaren Auswirkungen, weshalb bestehende Transformationsvorhaben keineswegs gestoppt oder überdacht werden müssen. SAP erfindet das ERP-Rad in diesem Zug also nicht grundlegend neu, sondern stülpt primär einen neuen KI-Layer über die bisherigen, eigenständigen Lösungen und fasst diese in einem neuen Narrativ zusammen.
Wie Tesla, mit Autonomous Enterprise zum Crash
Besonders kritisch zu hinterfragen sind die operative Reife und die kommerzielle Ausgestaltung dieses Heilsversprechens eines selbstfahrenden und eigenständigen ERPs. Zum Zeitpunkt der vollmundigen Ankündigungen auf der Kundenmesse Sapphire fehlten fundamentale Details zur technischen Umsetzung, zu exakten Veröffentlichungsdaten und vor allem zu den entscheidenden Preis- und Abrechnungsmodellen, was die finanzielle Planungssicherheit der Unternehmen massiv gefährdet.
Zudem haben viele Bestandskunden und IT-Experten in der Vergangenheit die schmerzhafte Erfahrung gemacht, dass das SAP-Marketing der tatsächlichen technischen Realität oft meilenweit vorauseilt und bisherige KI-Funktionen im harten Unternehmensalltag noch unausgereift sind. Die DSAG warnt daher eindringlich, dass grundlegende, für den ERP-Erfolg essenzielle Kernfunktionen – wie ein durchgängiges Dokumentenmanagement, eine verlässliche zentrale Benutzerverwaltung oder die kontinuierliche Verbesserung der Benutzeroberflächen – keinesfalls zugunsten kostspieliger KI-Investitionen in den Hintergrund geraten dürfen.
SAP-Bestandskunden müssen überdies abwarten, ob die Übersetzung der komplexen SAP-Datenbanken (Hana) durch den neuen Knowledge Graph (Hana Engine) in der Praxis tatsächlich fehlerfrei funktioniert, da genau dieses fehlende Kontextwissen den KI-Assistenten Joule bislang oft vor unlösbare Probleme gestellt hat. Knowledge Graph – alter Wein in neuen Schläuchen: Eine Graph-Engine gibt es auf der Hana-Plattform seit vielen Jahren. Um auf der Sapphire in Orlando etwas Konkretes anpreisen zu können, wurde wieder einmal die Graphentheorie aus der Informatik bemüht. Letztlich entpuppt sich die Autonomous ERP Suite derzeit primär als ein visionäres Konstrukt, bei dem Kunden wachsam bleiben müssen, ob die versprochene Autonomie tatsächlich den hohen Preis rechtfertigt, bevor sie sich blindlings von den wolkigen KI-Verheißungen der Walldorfer blenden lassen.

Digitale Souveränität: Autonomous versus Composable
Wenn die zukünftige Ausrichtung von Unternehmenssoftware (ERP) durch eine kritisch-analytische Linse betrachtet wird, offenbart sich ein fundamentaler Richtungsstreit zwischen dem von SAP frisch proklamierten „Autonomous Enterprise“ und dem marktgetriebenen Paradigma des „Composable ERP“.
Das SAP-Konzept des „Autonomous Enterprise“ ist das jüngste, stark börsengetriebene Marketing-Narrativ aus Walldorf, welches die erst vor einem Jahr vorgestellte North-Star-Architektur bereits wieder rücksichtslos ablöst, um dem enormen Innovationsdruck der Finanzmärkte rund um künstliche Intelligenz hastig gerecht zu werden. Kritisch hinterfragt entpuppt sich dieses hochglanzpolierte Zielbild für den SAP-Bestandskunden oftmals als reiner Etikettenschwindel, denn unter dem neuen KI-Zuckerguss verbergen sich weiterhin exakt dieselben etablierten Cloud-Lösungen wie Ariba oder das Business Network. Dem gegenüber steht als revolutionärer und befreiender Gegenentwurf das Composable ERP, ein von Analysten wie Gartner und Vordenkern wie Professor August-Wilhelm Scheer geprägter Ansatz, der die Ära starrer, monolithischer Systeme endgültig beendet und stattdessen maximale unternehmerische Anpassungsfähigkeit ins Zentrum der IT rückt. Ein Composable ERP ermöglicht es dem Anwender, sich aus dem drohenden Vendor-Lock-in eines einzigen Anbieters zu lösen und die IT-Landschaft aus den jeweils besten modularen Bausteinen des gesamten Marktes – beispielsweise dem Finanzkern von SAP kombiniert mit innovativen HR-Lösungen von Workday und CRM-Systemen von Salesforce – flexibel über Integrationsplattformen wie die SAP BTP oder unabhängige Alternativen wie Boomi zusammenzusetzen.
Eigenverantwortung der SAP-Bestandskunden
Der entscheidende Unterschied für jeden SAP-Bestandskunden liegt somit in der Machtverteilung und der digitalen Souveränität: Während das „Autonomous Enterprise“ der durchschaubare Versuch der SAP ist, durch ein geschlossenes KI-Ökosystem die totale Kontrolle über die Daten und Prozesse der Kunden zu zementieren und sie tiefer in lukrative Cloud-Abhängigkeiten zu drängen, erfordert und fördert das Composable ERP die radikale Eigenverantwortung der Unternehmen, ihre Architektur jenseits von Walldorfer Marketing-Illusionen als orchestriertes, offenes und herstellerunabhängiges Netzwerk selbstbestimmt und eigenverantwortlich (autonom) zu gestalten.



