All-in on AI


Letztendlich muss davon ausgegangen werden, dass in der momentanen Situation SAP-Chef Christian Klein das Phänomen „KI“ nicht verstanden hat. Er behandelt KI nicht anders als In-memory Computing, Predictive Analysis und Cloud Computing. Es sind technische Experimentier- und IT-Spielfelder, die dem ERP einen Mehrwert und SAP einen Vorsprung verschaffen sollen.
Bereits die In-memory-Computertechnik SAP Hana war von zweifelhaftem Wert. Hana war und ist ein Meisterstück der Informatik, das von Professor Hasso Plattner und Professor Alexander Zeier an der Universität Potsdam (Deutschland) am HPI (Hasso-Plattner-Institut) geschmiedet wurde. Technisch überragend, aber mit beschränktem Mehrwert für Betriebswirtschaft und Organisation. Der große Erfolg blieb Hana bis heute verwehrt, weil es eine singuläre Datenbank für SoH (Suite on Hana) und SAP S/4 geblieben ist. Die Idee von Ex-SAP-Technikvorstand Vishal Sikka, aus Hana ein Open-Source-Produkt zu machen, wurde nie realisiert.
Aus SAP PAL (Predictive Analysis Library) wurde Hana PAL, aber es wurde aus diesem Informatikkonzept keine neue ERP-Innovation. PAL war und ist ein interessantes ERP-Add-on, wie es auf der Hana-Plattform auch die Engines Graph und Vector sind. In den vergangenen Jahren war SAP sehr gut darin, innovative IT-Werkzeuge den eigenen Bestandskunden zur Verfügung zu stellen. Einen eigenen Weg mit betriebswirtschaftlicher und organisatorischer Wert- und Nachhaltigkeit konnte der ERP-Konzern SAP seinen Bestandskunden aber nicht mehr bieten.
SAP feierte unter CEO Christian Klein große wirtschaftliche Erfolge mit der Technik des Cloud Computing. Der SAP-Aktienkurs erreichte ein Allzeithoch. Die Technik funktioniert, aber SAP mäandert zwischen „Cloud first“ und „Cloud only“. SAP findet seit vielen Jahren keinen sinnvollen betriebswirtschaftlichen und organisatorischen Weg für ein ERP in der Cloud. Es werden Informatikkonzepte wie BTP, BDC, Joule und RPT-1 präsentiert, der „Purpose“ eines neuen ERP wurde jedoch niemals definiert – nun heißt es bei SAP: All-in on AI.
Der Weg in Richtung Cloud war für SAP bedingt richtig, weil fast alle traditionellen Softwareanbieter im Cloud Computing den Befreiungsschlag suchten. Mit KI liegt SAP-Chef Christian Klein falsch. KI ist ein Paradigmenwechsel. KI ist kein Add-on für ERP, sondern KI will die traditionelle Informatik revolutionieren – wie vieles andere auch!
Nach Konsolidierung, Harmonisierung, Orchestrierung und Virtualisierung kam Cloud Computing. Ein logischer Schritt für viele Teilaspekte eines ERP. SAP unter Führung von Christian Klein schaffte kurz vor zwölf den Absprung in Richtung Cloud und Investoren, Finanzanalysten und die Börse zollten dem SAP-CEO mit einem Allzeithoch des SAP-Aktienkurses Respekt und Anerkennung.
Diesen Husarenritt mit KI zu wiederholen, erscheint naiv. KI ist keine evolutionäre Weiterentwicklung einer beliebigen Informatik. SAP-Chef Christian Klein müsste ERP unter dem Aspekt der KI neu erfinden und eben nicht immer mehr KI in alte ERP-Technik stecken. Die Herausforderung für SAP ist nicht KI, sondern ERP. Vielleicht ein Composable ERP auf Basis eines betriebswirtschaftlichen KI-Systems wie SAP RPT-1, ergänzt um Agentic AI.
Jede Technik hat ihre Zeit: Mein erstes ERP-System war SAP R/3 auf einem IBM-Server RS/6000 mit AIX als Betriebssystem und Oracle als Datenbank. Ich war Neuling in der Szene und staunte nicht schlecht, dass IBM mit Softwarelizenzen gerade so über die Runden kam und SAP mit den R/3-Lizenzen immer reicher wurde! Auf dem IBM-Server RS/6000 gab es genau zwei User-Lizenzen: einen Administrator und SAP R/3. Jeder SAP-Anwender benötigte naturgemäß eine R/3-Lizenz, aber keine AIX-Betriebssystemlizenz. Es war eine Frage der IT-Systemarchitektur, von der SAP profitierte.
Dieses IT-ERP-Szenario wird sich mit KI-Agenten weiterentwickeln und wiederholen: „AI software is eating the world“, prophezeien KI-Experten. Warum nicht Hunderte S/4-Lizenzen durch einen einzigen KI-Assistenten ersetzen, der rund um die Uhr arbeitet und von Hunderten ehemaligen SAP-Anwendern betreut, überwacht und gesteuert wird? Ein vollwertiges S/4-Hana-System könnte von fünf KI-ERP-Assistenten und ihren KI-Agenten (Agentic AI) gesteuert werden: CRM, HCM, SCM, PLM und MII.
Der KI-Agent Joule und die Plattformen BTP und BDC würden bei „All-in on AI“ leer ausgehen, weil spezialisierte KI-Agenten von Salesforce, Workday und ServiceNow sowie allgemeine KI-Agenten von OpenAI, Anthropic oder Mistral kommen.
„All-in on AI“ kann für SAP-Chef Christian Klein keine Exit-Strategie sein, weil KI in jedem Bereich und jeder Dimension das klassische ERP wie S/4 Hana bedroht. SAP braucht nach dem KI-Paradigmenwechsel ein neues ERP-Modell und eben keine AI-Add-ons.
Mit KI als ERP-Add-on wird Christian Klein das Überleben von SAP nicht garantieren, aber KI kann zum Ausgangspunkt einer neuen SAP werden – wie schon einmal die fünf SAP-Gründer die Informatik revolutionierten, als Hardware noch der große Umsatzbringer war.






