R/3- und ECC-Altlasten


Doch was wir und viele meiner SAP-Stammtischschwestern und -brüder einst als Wettbewerbsvorteil feierten, entpuppt sich im Angesicht der digitalen Transformation auf S/4 als bleiernes Erbe. Die gewachsenen SAP-ERP-Monolithen, durchsetzt mit Millionen Zeilen unseres kundenspezifischen Codes, gleichen heute eher archäologischen Ausgrabungsstätten als modernen IT-Architekturen. Viele dieser Systeme sind über Jahre hinweg zu reinen Kolossen herangewachsen, modifiziert bis zur Unkenntlichkeit, wobei oft bis zu 60 Prozent des Codes im laufenden Betrieb nicht mehr genutzt werden – wie ich feststellen musste – aber dennoch Wartungskosten verursachen und Sicherheitsrisiken bergen.
Die Herausforderung der Abap-Conversion ist dabei weit mehr als eine technische Fleißaufgabe; sie ist ein brutaler Schnitt durch die Historie unseres Konzerns. Während frühere Releasewechsel oft rein technischer Natur waren und den Slogan „Never change a running system“ bestätigten (wie Chefredakteur Färbinger nicht müde wird zu betonen), fordert S/4 einen radikalen Paradigmenwechsel. Die Umstellung auf Hana und das neue ERP-Datenmodell machen viele alte Abap-Konstrukte obsolet. Einfache SQL-Statements, die auf die Existenz bestimmter Aggregate oder Indizes vertrauten, laufen ins Leere, und die sogenannten Simplification Items der SAP zwingen Entwickler dazu, ihren Code grundlegend zu überarbeiten oder gar zu verwerfen.
Achtung: Viele alte Funktionen, die im Rahmen der ersten S/4-Migration weiterliefen, siehe Compatibility Packs, mussten bis Ende 2025 auf neue S/4-Funktionen umgestellt werden. Die SAP Simplification List definiert für jedes S/4-Release tausende funktionale Änderungen und Wegfälle, die den Prozess der Systemumstellung maßgeblich bestimmen. Es reicht nicht mehr, den Code nur syntaktisch anzupassen; er muss semantisch auf die neue Logik des „Principle of One“ ausgerichtet werden, das redundante Funktionen rigoros eliminiert. In diesem Spannungsfeld zwischen Bewahren und Erneuern propagiert SAP die „Clean Core“-Strategie als den einzigen Ausweg aus der Modifikationsfalle. Die Philosophie ist simpel, aber in der Umsetzung für uns zumindest sehr schmerzhaft! Aber wir sehen Licht am Ende des Tunnels: Ein ehemaliger Weggefährte von Professor Hasso Plattner am HPI der Universität Potsdam, Professor Dr. Alexander Zeier, präsentierte ein KI-System als Exit-Strategie für Clean Core und Abap-Modifikationen.
Der digitale Kern des ERP-Systems muss sauber bleiben, frei von Modifikationen, um die Upgrade-Fähigkeit und Agilität in der Cloud zu gewährleisten. Die Zeiten, in denen man direkt im SAP-Standardprogramm herumpfuschte (Modifikation), sind vorbei. Das neue Modell verlangt eine strikte Trennung von Standardcode und Erweiterungen. Für SAP-Bestandskunden bedeutet dies, dass sie ihre liebgewonnenen Z-Programme und Dynpro-Anwendungen in moderne, Cloud-native Architekturen überführen müssen.
Doch wie soll dieser Spagat gelingen, ohne die Geschäftsprozesse abzuwürgen? Die Antwort liegt in einem differenzierten Erweiterungsmodell. Kritische Erweiterungen, die eng mit den Daten und Transaktionen des Kerns verwoben sind, können als „On-Stack Extensions“ mittels Abap-Cloud realisiert werden. Alles andere, insbesondere losgelöste Innovationen oder mobile Apps, gehört als Side-by-Side Extension auf die BTP, entkoppelt vom ERP-Kern. Für die Altsysteme bedeutet dies oft ein massives Refactoring: Code muss analysiert, bereinigt und, wenn er nicht dem Standard entspricht, entweder in einen Wrapper verpackt oder komplett neu geschrieben werden.
In diesem Sturm der Transformation kommt dem SAP Customer Center of Expertise (CCoE) eine völlig neue, existenzielle Bedeutung zu, was zu heftigen Diskussionen an unserem SAP-Stammtisch führte. War das CCoE (zu meiner aktiven IT-Leiter-Zeit CCC) in der On-prem-Welt oft primär für den First-Level-Support und das Lizenzmanagement zuständig, muss es sich nun zur strategischen Schaltzentrale der hybriden IT-Landschaft wandeln. Das CCoE steht nicht mehr nur für den operativen Betrieb, sondern für die Governance der gesamten Architektur. Es muss die Einhaltung der Clean-Core-Prinzipien überwachen und sicherstellen, dass die Fachbereiche nicht wieder in alte Muster verfallen und Wildwuchs produzieren.





