Narrative Wirtschaft


Im Kern geht es um die Erforschung von populären Erzählungen, die sich ähnlich wie ansteckende Krankheiten oder Viren in der Gesellschaft verbreiten. Diese ökonomischen Narrative beeinflussen maßgeblich, welche wirtschaftlichen Entscheidungen Menschen und Unternehmen treffen, wie sie sich die Welt erklären, wo sie Gefahren sehen und was ihnen letztlich wichtig ist.
Für die SAP-Community ist das ganzheitliche Verständnis der narrativen ERP-Wirtschaft von existenzieller Bedeutung, denn komplexe IT-Investitionen in Millionenhöhe erfordern zwingend ein starkes Fundament aus Vertrauen und einer klaren, nachvollziehbaren Zukunftsstrategie. Wie steht es um die SAP-Roadmap jenseits von 2040?
Ein solides, faktenbasiertes Narrativ ist kein Marketing-Selbstzweck, sondern bietet in Zeiten radikaler Transformationen und erzwungener S/4-Conversion zwingend notwendige Orientierung. Das ERP-Narrativ dient als essenzielle Kommunikation mit der SAP-Community, um gemeinsame Ziele zu formen und zu prägen.
Anstatt der SAP-Community eine sinnstiftende Erzählung für das Cloud-Zeitalter zu liefern, verliert sich der SAP-Vorstand aber oft in technischer Spitzfindigkeit und der bloßen Wiederholung von bekannten Schlagworten. SAP-CEO Christian Klein rezitiert unermüdlich technische Buzzwords, lässt die Anwender aber mit der fundamentalen Antwort auf den betriebswirtschaftlichen Zweck oft allein.
Traditionelle Wirtschaftswissenschaften betrachten den Menschen oftmals als rationalen Optimierer, der auf neue Informationen stets angemessen und logisch reagiert. Die narrative Wirtschaft hingegen erkennt an, dass kollektive wirtschaftliche Handlungen extrem oft von Geschichten (Storytelling) angetrieben werden, die durch Mundpropaganda, Nachrichten und so-ziale Medien „viral gehen“.
Solche sinnstiftenden Erzählungen haben die primäre Funktion, die Realität zu verdichten, die Unüberschaubarkeit sowie die technische Komplexität zu reduzieren und schwierige Ursache-Wirkungs-Beziehungen zu entwirren. SAP hat sich schleichend in eine isolierte Echokammer zurückgezogen, die primär von der Angst vor Kontrollverlust getrieben wird. Anstatt sich mutig einem offenen, kritischen Diskurs mit der Community zu stellen.
Warum aber ist ein starkes Narrativ für ein IT-Unternehmen wie SAP genauso überlebenswichtig wie exzellente Börsen- und Bilanzzahlen? SAP-CEO Christian Klein und CFO Dominik Asam feierten vergangenes Jahr schwindelerregende Rekorde an der Frankfurter Börse, weil sie den hungrigen Finanzanalysten exakt das Narrativ von boomenden Cloud-Erlösen servierten. Doch das rein finanzgetriebene Storytelling gleicht dem Errichten Potemkinscher Dörfer. Während die Aktionäre jubeln, wächst an der Basis der SAP-Community der Frust über fehlende ERP-Visionen, ungelöste Architekturfragen und den drohenden Vendor-Lock-in ohne Cloud-Exit-Strategie. Der SAP-Aktienkurs stürzte über 40 Prozent ab!
Bilanzen und Aktienkurse spiegeln lediglich die Erwartungen der Investoren wider, doch sie bauen kein Vertrauen bei den Menschen auf, die die SAP-Software in den Fabriken und Büros nutzen. Ohne ein Narrativ, das den Bestandskunden eine klare, nutzenstiftende Perspektive jenseits nackter Technik-Hypes bietet, verliert SAP an Relevanz im Herzen der Unternehmen.





