Empfehlung für eine hybride Plattformstrategie


Das Diktat der Standardisierung, das SAP unter der Flagge des Clean Core ausruft, stellt SAP-Bestandskunden vor ein existenzielles Dilemma: Wie lassen sich dringend benötigte Innovationen realisieren, wenn der digitale Kern unberührbar wird und das eigene System durch jahrzehntelang gewachsenen Z-Code blockiert ist? In diesem Spannungsfeld positioniert sich die Integrations- und Automatisierungsplattform Boomi als eine Alternative und Ergänzung zu den hauseigenen SAP-Werkzeugen.
Die von den Analysten bei Gartner als Marktführer eingestufte Integration-Platform-as-a-Service (iPaaS) von Boomi ist ein vollständig verwalteter Cloud-Dienst, der darauf ausgelegt ist, Datensilos und divergente Datenströme über Systemgrenzen hinweg zu orchestrieren. Die Boomi Enterprise Platform vereint hierzu essenzielle Integrations- und Automatisierungswerkzeuge in einer einzigen, einheitlichen Architektur, die neben der klassischen Systemintegration (Boomi Integration) auch ein dediziertes API-Management, EDI-Management für komplexe Lieferketten, den Boomi Master Data Hub sowie Workflow-Automatisierungen über Boomi Flow umfasst.
Ein strategischer Meilenstein zur Beseitigung technischer Hürden war die Übernahme des Datenintegrationsspezialisten Rivery, durch die Boomi das Change Data Capture (CDC) und Extract-Transform-Load-Funktionen (ELT) in seine Plattform integrierte. Hierdurch ist Boomi aktuell in der Lage, Echtzeitdaten aus komplexen Systemen abzurufen, sie ohne aufwendige physische Replikation semantisch aufzubereiten und sie kontrolliert in moderne Cloud-Data-Lakes wie Snowflake oder Databricks einzuspeisen. Wie Donna Matthews, AI und SAP Alliance Manager von Boomi, in einer Analyse dem E3-Magazin persönlich darlegte, sollten Unternehmen den Wechsel zu einem unabhängigen Anbieter wie Boomi vor allem deshalb in Betracht ziehen, weil die Plattform eine tiefgreifende Einheitlichkeit bietet, die Integration, Automatisierung, Datenmanagement und API-Verwaltung in einem einzigen System kombiniert. Aus Sicht eines SAP-Bestandskunden löst dieses cloudnative System das Problem der digitalen Fragmentierung auf, mit dem sich ERP-Anwender konfrontiert sehen, wenn sie versuchen, die Angebote verschiedener IT-Anbieter mühsam aneinanderzustecken.
Cloudnative ERP-Architektur
Boomi definiert den Plattformbegriff dabei sehr präzise als ein cloudnatives, unabhängiges System, das auf verteilten IT-Architekturen aufbaut und die nahtlose Verbindung von Prozessen, Datenbanken und Arbeitsabläufen sowohl in lokalen als auch in komplexen Multi-Cloud-Umgebungen sicherstellt. Es ist die technische Agilität, die es Boomi erlaubt, extrem schnell auf Marktveränderungen zu reagieren und greifbare Lösungen zu liefern, anstatt Kunden mit theoretischen Zukunftskonzepten oder vagen Release-Versprechungen zu vertrösten, wie Matthews kritisch hervorhebt. Ein natürlicher Evolutionsschritt dieser Plattformphilosophie war folgerichtig auch die Expansion in den Bereich des Master Data Management, um die Qualität und Konsistenz von Unternehmensdaten ganzheitlich abzusichern.
Aus Sicht eines ERP-Analysten liegt der größte Mehrwert von Boomi für einen SAP-Bestandskunden in der Reduktion von Komplexität, Abhängigkeit und damit verbundenen Kosten. Während SAP-Bestandskunden traditionell für jede kleine Anpassung teure Abap-Entwickler oder BTP-Berater engagieren müssen, bricht Boomi dieses Monopol durch eine konsequente Low-Code- und No-Code-Philosophie auf.
Praxisberichte aus der globalen SAP-Community belegen, dass IT-Teams nach einer nur dreitägigen Schulung in der Lage sind, komplexe Integrations- und Automatisierungsaufgaben eigenständig und ohne externe Heerscharen von Beratern zu lösen. Zudem zeigt die ökonomische Realität, dass Boomi die Integrationszeit von mehreren Wochen auf wenige Tage verkürzt und den Implementierungsaufwand im Schnitt um 41 Prozent senkt. Für den SAP-Bestandskunden bedeutet dies eine spürbare Senkung der Total Cost of Ownership (TCO), da ältere, fragmentierte Middleware-Lösungen konsolidiert und teure, wartungsintensive Eigenentwicklungen im ERP-Kern überflüssig werden. Anstatt wertvolle IT-Ressourcen in der ständigen Reparatur fehleranfälliger Schnittstellen zu binden, gewinnen Unternehmen die dringend benötigte Agilität zurück, um geschäftskritische Prozesse wie Order-to-Cash oder die Logistikplanung über Systemgrenzen hinweg in Echtzeit zu automatisieren.

„Veränderungen vollziehen sich nur so schnell,
wie Vertrauen entsteht. Wenn es unzählige
Mitarbeiter gibt, wer behält dann den Überblick?
Wer leitet sie? Wie schafft man Vertrauen?”
Steve Lucas,
Chairman und CEO,
Boomi
Im direkten Vergleich zur Business Technology Platform (SAP BTP) positioniert Boomi sein Angebot nicht als feindliche Verdrängung, sondern als eine strategische Ergänzung. Donna Matthews betont im E3-Gespräch nachdrücklich, dass Boomi die Funktionalität der SAP BTP erweitert, indem es herstellerunabhängige Integrationsfähigkeiten bereitstellt, die den Datenfluss zwischen SAP- und Nicht-SAP-Anwendungen drastisch beschleunigen und vereinfachen. Diese Koexistenz ist für Bestandskunden von existenzieller Bedeutung, insbesondere vor dem Hintergrund, dass sich SAP bis zum Jahr 2027 schrittweise von ihren zentralen On-prem-Lösungen verabschiedet.
Das technische Herzstück dieser Allianz bildet der zertifizierte Boomi for SAP Connector. Dieser ermöglicht es über OpenAPIs, direkt auf Kernfunktionalitäten zuzugreifen, SAP-Tabellen abzufragen, IDocs zu verarbeiten und BW-Daten zu verwalten. Der unschätzbare operative Vorteil für SAP-Anwender liegt darin, dass durch diese Abstraktionsebene auch Nicht-Abap-Entwickler und IT-Generalisten komplexe Integrationen eigenständig entwerfen und implementieren können, ohne tiefgreifende Kenntnisse des berüchtigten und hochkomplexen SAP-Datenmodells besitzen zu müssen.
Kein „Rip and Replace“
Matthews warnt in diesem Zusammenhang eindringlich vor dem weit verbreiteten, aber oft ruinösen Impuls des rücksichtslosen „Rip and Replace“. Unternehmen, die etablierte und stabile Verbindungen betreiben, sollten diese ungestört weiterlaufen lassen und stattdessen unzureichende oder unsaubere Prozesse sowie alle zukünftigen Neuentwicklungen auf die moderne Boomi-Technologie übertragen.
Mit dem rasanten Einzug der künstlichen Intelligenz in die Geschäftsprozesse etabliert sich das Model Context Protocol (MCP) als der neue Industriestandard für die sichere und performante Kommunikation zwischen Large Language Models und ERP-Systemen. MCP, das ursprünglich von Anthropic entwickelt und Ende des Jahres 2025 an die Linux Foundation übergeben wurde, standardisiert die Art und Weise, wie KI-Anwendungen und autonome Agenten auf externe Werkzeuge und Datenquellen zugreifen. Das Protokoll fungiert als eine Art universelles „USB-C für KI-Anwendungen“, das eine saubere Trennung zwischen der logischen Argumentationsebene der Sprachmodelle und der technischen Tool- und Datenintegrationsebene herstellt. Traditionell stehen Unternehmen vor dem Problem, dass sie für jeden einzelnen KI-Agenten und jedes anzubindende Vorsystem eine eigene, hochgradig spezialisierte Punkt-zu-Punkt-Verbindung programmieren müssen. Bei mehreren Agenten und einer Vielzahl an Applikationen führt dies unweigerlich zu einer unkontrollierbaren und teuren Schnittstellenkomplexität nach dem mathematischen Prinzip der Multiplikation. MCP bricht dieses Integrationsnadelöhr auf, indem Systeme ihre Fähigkeiten als standardisierte MCP-Server präsentieren, sodass KI-Modelle diese dynamisch interpretieren und ansteuern können, was den Entwicklungsaufwand radikal minimiert.
In dieser neuen Ära der Agentenorchestrierung besetzt Boomi eine Vorreiterrolle, indem es das MCP-Management nahtlos mit seiner bewährten Integrations- und Governance-Expertise verschmilzt. Die Boomi Enterprise Platform konsolidiert das API- und MCP-Management, die Integration und die Workflow-Automatisierung in einer einzigen, einheitlichen Infrastruktur. Unter dem Namen Boomi Connect liefert der Anbieter eine dedizierte MCP-Engine, die als herstellerunabhängige Kontroll- und Governance-Schicht agiert.

Die unkontrollierte Verbreitung nicht gemanagter MCP-Server in öffentlichen Registern birgt immense Sicherheitsrisiken, führt zu Intransparenz und droht, unbemerkt datenschutzrechtlich bedenkliche Shadow-AI-Strukturen zu etablieren. Boomi adressiert diese akute Bedrohung, indem es Administratoren die volle Kontrolle über den gesamten Lebenszyklus der MCP-Server gibt. Durch strenge Richtlinieneinstellungen, Zugriffskontrollen und Kostenüberwachungen schützt Boomi Unternehmen vor unkontrolliertem Token-Verbrauch oder gefürchteten Endlosschleifen der KI.
Für SAP-Bestandskunden bietet der Einsatz eines Boomi-basierten MCP-Szenarios einen architektonischen Befreiungsschlag auf dem Weg zum geforderten Clean Core. Indem SAP-Kernfunktionen wie Kundenbestellungen, Rechnungen, Stammdaten oder Bestandsabfragen hinter einem sicheren, Boomi-gesteuerten MCP-Server gekapselt werden, können KI-Agenten diese geschäftskritischen Daten autonom entdecken und verarbeiten, ohne dass auch nur eine einzige Zeile invasiver Abap-Code im ERP-System geschrieben werden muss. Dies gewährleistet eine absolut upgradesichere Systemlandschaft, da der ERP-Kern von S/4 oder auch älteren ECC-6.0-Systemen unberührt bleibt.
Darüber hinaus öffnet dieser standardisierte Ansatz die Tür zur technischen Souveränität: Da das Model Context Protocol herstellerunabhängig ist, sind Kunden nicht länger gezwungen, ausschließlich auf den SAP-internen Copiloten Joule oder das restriktive BTP-Universum zu setzen. Sie können mächtige externe Sprachmodelle wie Claude von Anthropic oder KI-Lösungen auf AWS Bedrock und in der Snowflake-Cloud direkt über ihre SAP-Daten laufen lassen, um komplexe, systemübergreifende Analyse- und Entscheidungsprozesse in Echtzeit zu steuern. Boomi fungiert somit als die entscheidende, neutrale Datendrehscheibe, die SAP-Daten demokratisiert und sie sicher und kontrolliert dorthin bringt, wo die modernste KI-Wertschöpfung stattfindet.
Boomi-Plattform versus SAP BTP
Die Frage, ob Boomi eine vollwertige Alternative zur Business Technology Platform darstellt, lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten, da beide Plattformen grundlegend unterschiedliche Philosophien verfolgen. SAP BTP ist ein hochgradig spezialisiertes, aber auch hochgradig restriktives Ökosystem, das eng auf die SAP-ERP-Eigenwelt, die Abap-Cloud und das Clean-Core-Konzept abgestimmt ist. BTP zwingt den Kunden in ein kommerzielles und technisches Korsett, bei dem jede Erweiterung und jeder API-Aufruf zu einer weiteren Lizenz- und Kostenfalle werden kann.
Boomi hingegen agiert als herstellerunabhängige, offene Integrationsplattform. Sie versteht sich als neutrales Datennetzwerk, das eine lückenlose Kommunikation zwischen SAP- und unzähligen Nicht-SAP-Anwendungen wie Salesforce, Workday oder ServiceNow ermöglicht, ohne dass der Kunde an den Release-Zyklus oder die Preispolitik eines einzelnen Anbieters gekettet wird. Während die BTP die unbestrittene Heimat für sehr ERP-nahe, On-Stack- oder prozesskritische Erweiterungen bleibt, ist Boomi die agilere, kosteneffizientere und offenere Plattform für die unternehmensweite Orchestrierung heterogener IT-Landschaften. Die technische Implementierung der Boomi-Plattform in bestehende SAP-Architekturen – sei es das alternde ECC 6.0 mit AnyDB oder das moderne S/4 Hana – erfolgt über den zertifizierten Boomi for SAP Connector. Dieses Werkzeug fügt sich direkt in die SAP-Landschaft ein und ermöglicht eine standardisierte, sichere Kommunikation über offene Web-Services und OpenAPIs, ohne dass der Anwender tiefe Kenntnisse des berüchtigten und hochkomplexen SAP-Datenmodells besitzen muss.
Durch diese native Verbindung können auch Nicht-Abap-Entwickler SAP-Tabellen abfragen, BW-Daten verwalten, IDocs verarbeiten und RFC-Schnittstellen ansprechen. Besonders für ECC-Kunden, die den Umstieg auf S/4 noch vor sich haben, bietet diese Implementierung die Möglichkeit, Side-by-Side-Szenarien zu etablieren und Daten in Echtzeit zu extrahieren, während das Altsystem unangetastet und stabil bleibt.
Boomi und Red Hat
Die im Mai 2026 verkündete strategische Partnerschaft zwischen Boomi und Red Hat adressiert eines der größten Probleme bei der Operationalisierung von künstlicher Intelligenz im Unternehmen: das unkontrollierte Zusammenflicken fragmentierter Einzellösungen, das in der Praxis häufig zu fatalen Datenlecks und unkalkulierbaren Infrastrukturkosten führt. Durch die Integration von Boomis Agentstudio mit der unternehmensweiten Leistungsfähigkeit von Red Hat AI haben beide Partner einen einheitlichen, produktionsreifen agentischen Software-Stack geschaffen.
Für den SAP-Bestandskunden bietet diese Allianz massive architektonische und wirtschaftliche Vorteile. Die Kombination ermöglicht es, autonome KI-Agenten direkt mit den wertvollen, vertrauenswürdigen SAP-Echtzeitdaten zu füttern, während die Kubernetes-native Laufzeitumgebung von Red Hat OpenShift eine strikte Datenhoheit und Datensouveränität garantiert. Da die gesamte Architektur in hybriden Cloud-Umgebungen oder sogar im eigenen, souveränen Rechenzentrum betrieben werden kann, verlassen sensible Geschäftsdaten niemals den kontrollierten Raum des Unternehmens.
Beim Blick auf die KI-Angebote zeigt sich ein fundamentaler Systemkonflikt zwischen dem geschlossenen SAP-Ansatz und der offenen Boomi-Philosophie. SAP konzentriert sich mit seiner Business AI, dem hauseigenen Copiloten Joule und dem SAP Knowledge Graph stark darauf, Geschäftsprozesse innerhalb der eigenen Cloud-Suite zu optimieren. Dieser Ansatz funktioniert jedoch nur dann reibungslos, wenn der Kunde den Weg in die Cloud-Verträge von Rise oder Grow mitgeht und seine Daten in der Business Data Cloud (SAP BDC) konsolidiert. Sobald Daten aus Nicht-SAP-Systemen im Spiel sind oder sensible On-prem-Szenarien bedient werden müssen, stößt das SAP-KI-Universum an enge funktionale und lizenzrechtliche Grenzen.
Boomi hingegen positioniert sich als herstellerunabhängiges Unternehmen der Datenaktivierung für KI. Die Boomi Enterprise Platform liefert mit dem Agentstudio, dem Agent Control Tower und dem Boomi Gateway eine vollständige Infrastruktur für das Design, die Orchestrierung und die Governance von KI-Agenten über alle im Unternehmen vorhandenen Systeme hinweg.
Was Boomi leistet, was SAP mit Joule und dem Knowledge Graph nicht kann, ist die herstellerunabhängige Aktivierung von Daten in heterogenen, komplexen Multi-Cloud-Landschaften. Boomi befreit den Kunden, indem es den Datenfluss zu externen KI-Plattformen und Modellen demokratisiert.
Hybride ERP-Strategie
Während SAP versucht, die semantische Hoheit über die Daten in einer proprietären Struktur zu behalten, sorgt Boomi für die offene, agile Datenbereitstellung in Echtzeit dort. Für einen weitsichtigen SAP-Bestandskunden ist die Entscheidung zwischen SAP BTP und Boomi kein Entweder-oder, sondern ein Plädoyer für ein koexistentes Miteinander. Es ist dringend ratsam, eine hybride Plattformstrategie zu wählen. Die SAP BTP sollte restriktiv für sehr ERP-nahe Aufgaben, das Einhalten des Clean-Core-Prinzips im Kernsystem sowie für spezifische Steampunk-Szenarien genutzt werden. Für die umfassende, unternehmensweite Integration aller Non-SAP-Systeme, die Orchestrierung hybrider Datenströme und den flexiblen Einsatz von KI-Agenten sollten Kunden jedoch auf die Boomi-Plattform setzen. Diese Kombination schützt getätigte SAP-Investitionen, verhindert die drohende Kostenexplosion durch unkontrolliertes BTP-Lizenzwachstum und sichert dem Unternehmen die technische Souveränität in einer von KI getriebenen Wirtschaft. (pmf)


