Information und Bildungsarbeit von und für die SAP-Community

AI Hallucinations and Autonomous Enterprise

Wer die Versprechen von SAP rund um das „Autonomous Enterprise“, den Assistenten Joule und autonome KI-Agenten mit der gebotenen Distanz analysiert, stößt unweigerlich auf einen fundamentalen blinden Fleck in der aktuellen KI-Strategie: Halluzinationen
Peter M. Färbinger, E3-Magazin
25. Juni 2026
avatar

Large Language Model Hallucinations

Aktuell wird den SAP-Bestandskunden suggeriert, dass die fehlerhaften Ausgaben von Large Language Models (LLMs), die sogenannten Halluzinationen, lediglich temporäre Kinderkrankheiten seien, die man mit immer größeren Datenmengen, feineren Architekturen oder rigorosem Fact-Checking bald in den Griff bekäme. Erkenntnisse aus der theoretischen Informatik strafen dieses Narrativ jedoch lügen und offenbaren, dass SAP und andere KI-Unternehmen einem gefährlichen Irrglauben aufsitzen.

Unabhängige Forschungsgruppen, allen voran Sourav Banerjee, Ayushi Agarwal und Saloni Singla in ihrer vielbeachteten Publikation aus dem Jahr 2024, haben zweifelsfrei nachgewiesen, dass Halluzinationen kein behebbares Problem aus der theoretischen Informatik oder ein ERP-Datenproblem darstellen. Halluzinationen sind vielmehr eine unausweichliche mathematische und logische Eigenschaft der Large Language Modelle. Die Forscher prägten für dieses Informatik-Problem den treffenden Begriff der „strukturellen Halluzination“.

Kurt Gödel und Alan Turing

Für den IT-Entscheider im SAP-Umfeld erfordert dies einen Blick in die Geschichte der Mathematik, konkret auf Kurt Gödels ersten Unvollständigkeitssatz und Alan Turings Halteproblem aus den 1930er-Jahren. Diese Theoreme beweisen unumstößlich, dass eine perfekte „Wahrheitsmaschine“ mathematisch schlichtweg unmöglich ist.

Auf den Maschinenraum moderner LLMs übertragen bedeutet dies, dass auf jeder einzelnen Stufe des Verarbeitungsprozesses – von der Zusammenstellung der Trainingsdaten über die Klassifizierung der Absicht (Intent Classification) und die Faktenwiederherstellung bis hin zur eigentlichen Textgenerierung – eine von Null verschiedene Fehlerwahrscheinlichkeit existiert, die sich nicht wegoptimieren lässt.

Die KI-Forscher und Informatiker belegen mathematisch, dass keine Trainingsdatenbank jemals zu einhundert Prozent vollständig sein kann. Selbst wenn das Wissen im System vorhanden wäre, kann das LLM aufgrund seiner probabilistischen Natur nicht garantieren, dass es die korrekten Fakten treffsicher aus einer gigantischen Datafabric extrahiert.

Halteproblem von Sprachmodellen: das Ontologie-Versagen

Noch brisanter wird die Lage durch die Unentscheidbarkeit des Halteproblems, das auf LLMs voll durchschlägt. Ein Sprachmodell kann a priori niemals vorhersagen, wie viele Token es generieren wird oder an welchem Punkt seine Berechnung exakt zum Stillstand kommt. Weil das Modell das Ende seiner eigenen Textgenerierung nicht kennt, ist die Sequenz der generierten Token vorab unvorhersehbar, was das System zwingend anfällig für die Erzeugung in sich widersprüchlicher, paradoxer oder schlichtweg falscher Fakten macht.

SAP-Bestandskunden müssen zudem verstehen, dass auch nachgelagerte Kontrollmechanismen, wie das oft als Allheilmittel gepriesene Fact-Checking oder Retrieval-Augmented Generation (RAG), strukturelle Halluzinationen niemals zu einhundert Prozent eliminieren können, da auch diese Überprüfungsschritte in endlich vielen Schritten nicht fehlerfrei arbeiten.

Transformationsstrategie: SAP Autonomous Enterprise mit Fehlerquote größer Null

Die Konsequenzen dieser Erkenntnisse für SAP-Bestandskunden sind dramatisch und werfen ein Licht auf die Risiken der aktuellen SAP-Transformationsstrategie. Wenn SAP plant, mit Agentic AI hunderte autonome KI-Agenten tief in die geschäftskritischen Prozesse von S/4 Hana oder der Business Technology Platform (SAP BTP) zu integrieren, dann werden rein statistische, probabilistische Wahrscheinlichkeitsmaschinen auf hochsensible, deterministische ERP-Aufgaben losgelassen.

Wenn eine solche KI autonom über Lieferketten, Gehaltsüberweisungen oder den Jahresabschluss entscheidet, ist eine Fehlerquote größer Null kein hinnehmbarer Kompromiss, sondern ein geschäftskritisches Risiko. Ein Fehler in einem SAP-Produktivsystem zieht unmittelbar betriebswirtschaftliche, finanzielle und rechtliche Konsequenzen nach sich. Die IT-Entscheider dürfen sich daher nicht von der Rhetorik blenden lassen, dass immer mehr Rechenleistung und immer größere Sprachmodelle die Lösung seien.

SAP-Leistungsgrenzen und ERP-Naturgesetze

Skalierung verschiebt lediglich die Leistungsgrenzen, sie hebt aber mathematische Naturgesetze nicht auf. Der Mensch als kontrollierende Instanz, der oft belächelte „Human in the Loop“, ist folglich keine lästige, vorübergehende Übergangslösung auf dem Weg zur perfekten künstlichen Intelligenz, sondern eine dauerhafte, mathematische Notwendigkeit zur Sicherung der unternehmerischen Souveränität. Wer sein ERP-System völlig ungesichert diesen halluzinierenden Algorithmen anvertraut, ignoriert fast ein Jahrhundert fundamentaler Informatikforschung.

Für den SAP-Entscheider lautet die Schlussfolgerung folglich, dass der Einsatz generativer LLMs für geschäftskritische, streng deterministische Aufgaben hochgradig fahrlässig ist. Wenn die Wahrscheinlichkeitsrechnung eines LLM darüber entscheiden soll, ob eine Gehaltsüberweisung am Monatsende getätigt wird oder nicht, wird die architektonische Dysfunktionalität dieses rein statistischen Ansatzes offensichtlich.

LLMs versus Energy-Based Models

KI-Pioniere fordern daher intensiv die Erforschung alternativer Architekturen, wie etwa energiebasierte Modelle (Energy-Based Models), die nach logischer Konsistenz und physikalisch machbaren Zuständen suchen, anstatt lediglich Wörter aneinanderzureihen. Auch SAP selbst musste auf diese Limitierungen klassischer LLMs reagieren und positionierte spezialisierte Foundation Models wie RPT-1, das gezielt auf tabellarische Relationen trainiert ist und das fehleranfällige Sprach-Token-Paradigma bei Unternehmensdaten umgeht.

Solange jedoch klassische LLMs den Kern der neuen Business-AI-Strategie bilden, muss jeder SAP Bestandskunde in der konzeptionellen Bildungsarbeit erkennen, dass technische Fortschritte und Rechenleistung mathematische Grenzen nicht aufheben können; eine strikte, deterministische Governance außerhalb des KI-Modells als Kontrollinstanz für diese probabilistischen Blackboxen bleibt somit unverzichtbar.

Human in the Loop

Der „Human in the Loop“ ist alternativlos. Mathematisch betrachtet entlarven sich alle technischen Minderungsstrategien – von RAG bis RPT-1 – als reines Risikomanagement, das die Fehlerwahrscheinlichkeit senkt, aber niemals auf null reduziert. Da Halluzinationen auf den gleichen theoretischen Unmöglichkeiten basieren, die Kurt Gödel (Unvollständigkeitssatz) und Alan Turing (Halteproblem) bereits in den 1930er-Jahren für formale Systeme bewiesen haben, gibt es keinen vollautonomen Ausweg.

Für geschäftskritische SAP-Prozesse, in denen Agentic AI künftig eigenmächtig Bestellungen auslösen oder Finanztransaktionen anstoßen soll, ist der Mensch als finale Kontrollinstanz (Human in the Loop) folglich keine lästige Übergangslösung auf dem Weg zur perfekten Maschine. Wer im SAP-Umfeld Entscheidungen fällt, für die das Unternehmen juristisch und finanziell haftet, muss erkennen, dass die Validierung von probabilistischen KI-Ergebnissen durch deterministische Regeln und menschliche Expertise eine unausweichliche, dauerhafte und mathematische Notwendigkeit bleibt.

avatar
Peter M. Färbinger, E3-Magazin

Peter M. Färbinger, Herausgeber und Chefredakteur E3-Magazin DE, US, ES und FR (e3mag.com), B4Bmedia.net AG, Freilassing (DE), E-Mail: pmf@b4bmedia.net und Tel. +49(0)8654/77130-21


Schreibe einen Kommentar

Die Arbeit an der SAP-Basis ist entscheidend für die erfolgreiche S/4-Conversion. 

Damit bekommt das sogenannte Competence Center bei den SAP-Bestandskunden strategische Bedeutung. Unhabhängig vom Betriebsmodell eines S/4 Hana sind Themen wie Automatisierung, Monitoring, Security, Application Lifecycle Management und Datenmanagement die Basis für den operativen S/4-Betrieb.

Zum vierten Mal bereits veranstaltet das E3-Magazin in Salzburg einen Summit für die SAP-Community, um sich über alle Aspekte der S/4-Hana-Basisarbeit umfassend zu informieren.

Veranstaltungsort

FourSide Hotel Salzburg,
Trademark Collection by Wyndham
Am Messezentrum 2, 5020 Salzburg, Österreich
+43-662-4355460

Veranstaltungsdatum

Mittwoch, 10. Juni, und
Donnerstag, 11. Juni 2026

Nur KI-Erlebnisworkshop am 11. Juni 2026 (limitierte Plätze)
Bonus: Zugang zu allen Vorträgen am 11. Juni 2026

Reguläres Ticket

Vorträge, Abendveranstaltung und je Verfügbarkeit der KI-Workshop am 11. Juni 2026
Die Plätze beim KI-Erlebnisworkshop sind limitiert und eine Anmeldung ist erforderlich.

Abonnenten des E3-Magazins Ticket

ermäßigt mit Promocode CCAbo26

Studierende*

ermäßigt mit Promocode CCStud26.
Studiennachweis bitte per Mail an office@b4bmedia.net senden.
*Die ersten 10 Tickets sind für Studierende kostenfrei. Versuchen Sie Ihr Glück! 🍀
EUR 305 exkl. USt.
EUR 590 exkl. USt.
EUR 390 exkl. USt.
EUR 290 exkl. USt.

Veranstaltungsort

Hotel Hilton Heidelberg
Kurfürstenanlage 1
D-69115 Heidelberg

Veranstaltungsdatum

Mittwoch, 22. April und
Donnerstag, 23. April 2026

Tickets

Nur KI-Erlebnisworkshop am 23. April 2026 
Bonus: Zugang zu allen Vorträgen am 23. April 2026
Reguläres Ticket
22. April 2026: Vorträge und Abendveranstaltung
23. April 2026: Vorträge und KI-Workshop
EUR 305 exkl. USt
EUR 590 exkl. USt
Abonnenten des E3-Magazins
ermäßigt mit Promocode STAbo26
EUR 390 exkl. USt
Studierende*
ermäßigt mit Promocode STStud26.
Studiennachweis bitte per Mail an office@b4bmedia.net senden.
EUR 290 exkl. USt
*Die ersten 10 Tickets sind für Studierende kostenfrei. Versuchen Sie Ihr Glück! 🍀
Veranstalter ist das E3-Magazin des Verlags B4Bmedia.net AG. Die Vorträge werden von einer Ausstellung ausgewählter SAP-Partner begleitet. Der Ticketpreis beinhaltet den Besuch aller Vorträge des Steampunk und BTP Summit 2026, den Besuch des Ausstellungsbereichs, die Teilnahme an der Abendveranstaltung sowie die Verpflegung während des offiziellen Programms. Das Vortragsprogramm und die Liste der Aussteller und Sponsoren (SAP-Partner) wird zeitnah auf dieser Website veröffentlicht.