

SAP-Chef Christian Klein reitet die Cloud-Welle mit großem Erfolg. Seine Arbeit und das Engagement von Finanzvorstand Dominik Asam gefielen der Börse und den Finanzanalysten, einige sahen den SAP-Aktienkurs bei um die 300 Euro – es kam anders! Zum Ende dieses Jahres hält sich der Börsenkurs mit großer Mühe knapp über 200 Euro, während Mitbewerber und IT/KI-Konzerne von einem Höhepunkt zum nächsten taumeln. Die KI-Blase ist noch nicht reif genug, um zu platzen. Was wird aus SAP?
SAP ist nicht Native-Cloud wie etwa Workday, ServiceNow oder Salesforce. SAP nutzt Cloud Computing auch nicht zum Vorteil und Wohlergehen der eigenen Bestandskunden, sondern lediglich, um die Marktmacht ohne Alleinstellungsmerkmal zu festigen, siehe EU-Verfahren. In der Vergangenheit war die Marktführerschaft naturgemäß gegeben durch ein ERP-Alleinstellungsmerkmal. SAP R/2 und R/3 waren eine betriebswirtschaftliche, organisatorische und technische Revolution, es gab nichts Vergleichbares! ERP/ECC 6.0 (SAP Business Suite 7) setzte diese erfolgreiche Tradition fort. SAP wurde zum ERP-Weltmarktführer.
Nach Client/Server und Virtualisierung ist Cloud Computing ein weiteres Betriebsmodell. SAP-Chef Christian Klein missbraucht die Cloud-Technik, um die Bestandskunden noch fester und enger an das Unternehmen zu binden: Bei SAP wurde aus der neutralen Technik „Cloud Computing“ ein Vendor-Lock-in. Dieser SAP’sche „Cloud-Knebel“ eröffnete naturgemäß interessante Geschäftsmodelle, siehe Rise with SAP. CEO Christian Klein und CFO Dominik Asam transformierten Cloud Computing in ein profitables Geschäftsmodell.
Das neue Kleid KI will SAP nicht wirklich passen. Seit vielen Jahren experimentiert CEO Christian Klein mit seinen Vorstandskollegen Thomas Saueressig und Muhammad Alam an einer konsistenten KI-Roadmap. Während Cloud Computing ein einfach zu durchschauendes Betriebsmodell ist, verliert SAP bei KI zunehmend den Durchblick. Eine schnelle technische Entwicklung kombiniert mit hohem finanziellen Einsatz lässt SAP am Wegesrand stehen. SAP findet keine passenden Kleider: Mangels eigener Kompetenz und Forschung fehlt es beim ERP-Weltmarktführer an einer stringenten KI-Strategie.
Alle paar Monate probiert SAP ein neues KI-Gewand – wirklich gepasst hat noch keines! In der IT/KI-Szene ist es nichts Außergewöhnliches, wenn eine Dienstleistung unfertig ausgeliefert wird, und Anwendern und Experten wird angesichts der Größenordnungen im KI-Sektor schon mal schwindelig. Die Brokerfirma D. A. Davidson sagt, dass OpenAI mit seinen mittlerweile 4500 Beschäftigten ein Fall des berühmt-berüchtigten Silicon-Valley-Ethos ist: Fake it till you make it. Tue einfach so, als ob – bis es irgendwann wirklich klappt. Hoffentlich! Business Technology Platform, SAP BTP, ist dafür ein gutes Beispiel: Der GenAI-Hub der BTP ist mehr Spielwiese und Experimentierfeld als eine finale KI-Lösung.
Das KI-Problem bei SAP ist selbstverschuldet und keine Überraschung: SAP-Chef Christian Klein hat für die nächste ERP-Generation kein Architekturmodell. Das Betriebsmodell „Cloud“ dient der Umsatzmaximierung und Kurspflege an der Börse – was SAP-CFO Dominik Asam hinreichend gut gelingt. Aber für die wesentlich größeren Themen wie Next ERP und KI-Roadmap fehlt es an Visionen.
Somit erstaunt es auch nicht, dass die SAP-Vorstandsmitglieder Thomas Saueressig und Muhammad Alam in bescheidener Selbstreflexion von Flickenteppich und Frankenstein-Architektur reden. SAP ERP macht im Moment den Eindruck eines zusammengesetzten, zusammengeschusterten IT-Systems auf den schwankenden Plattformen BTP und BDC.
Ein wahrhaftes Composable ERP hätte eine stringente Architektur und klare Vision. Damit bleibt Saueressig und Alam nur, über die Gefahren zu philosophieren, wenn der SAP-Bestandskunde nicht weiterhin End-to-End bei SAP einkauft. Flickenteppich (Alam) und Frankenstein-Architektur (Saueressig) sollen letztendlich nur Verkaufsargumente für die neue SAP Business Suite sein.
In dem viel beachteten Interview in der deutschsprachigen Computerwoche warnte Thomas Saueressig vor einer ERP-Frankenstein-Architektur und sagte meinem Kollegen Manfred Bremmer: „Natürlich kann man über On-premises-KI diskutieren. Aber das bedeutet letztlich, moderne Technologie mit der Vergangenheit zu verkabeln.“ Hier spricht jemand wider besseres Wissen: Es ist allgemein bekannt, dass es erfolgreiche Kombinationen von ECC 6.0 mit SAP BTP über einen von SAP bereitgestellten Cloud-Connector gibt! Das Kombinieren verschiedener Modestile und Kleider war noch nie eine schlechte Idee – auch das IT-Leben kann bunt sein.



