Narrative Wirtschaft der SAP


Investitionsentscheidung: Rise with SAP und Clean Core
Für die SAP-Bestandskunden, die vor der monumentalen Aufgabe „Rise with SAP“ und „Clean Core“ stehen – also ihre gesamte historisch gewachsene IT-Architektur umzubauen –, ist eine visionäre und nachvollziehbare Erzählung kein reiner Marketingluxus, sondern eine existenzielle Orientierungshilfe für die Zukunft.
In dieser kritischen Phase scheint der ERP-Weltmarktführer SAP aus Walldorf die essenzielle Kunst des Storytellings und der tiefgreifenden Bildungsarbeit völlig verlernt zu haben. Ein investigativer Blick hinter die Kulissen offenbart, dass SAP die eigene Kommunikation und das Marketing drastisch unterschätzt, weil sich der Konzern in eine isolierte Echokammer zurückgezogen hat, die von der Angst vor Kontrollverlust und einem geradezu obsessiven Fokus auf den kurzfristigen Aktienkurs getrieben wird.
Anstatt sich einem offenen, kritischen Diskurs mit der Community und dem unabhängigen Qualitätsjournalismus zu stellen, flüchtet sich das Management in kontrollierte „Invitation-only“-Veranstaltungen und digitale Einwegkommunikation. SAP CEO Christian Klein agiert dabei weniger als visionärer Architekt der Zukunft, sondern vielmehr als oberster Sachbearbeiter, der in einem endlosen „Reparaturdienstverhalten“ gefangen ist und kleinteilige Baustellen flickt.
Cloud, KI, Qubits
Nach dem Hype-Thema Cloud Computing, dem Anstieg und tiefen Fall des SAP-Aktienkurses stand kurz das Thema Quantencomputing auf der SAP-Tagesordnung. Jüngste Meldungen und Personalrochaden im SAP-Vorstand setzen jedoch das Thema KI in den Vordergrund. Es gibt zu KI aber kein SAP-Storytelling! Was wurde aus RPT-1? Wo positionieren sich Joule und SAP Business AI? Wird der BTP GenAI Hub ausgebaut oder abgekündigt? Beherrscht SAP die Compliance von Agentic AI? Viele Fragen und keine Antworten von SAP-Chef Christian Klein.
Aus Sicht von SAP ist Cloud Computing abgearbeitet, KI im Aufwind und Quantencomputing die nächste große Herausforderung. Was SAP-Chef Christian Klein aber übersieht, sind die vollkommen unterschiedlichen Architekturen und Herausforderungen dieser drei IT-Felder. Es lässt sich nicht das eine wie das andere Thema nach einheitlichem Schema bewältigen. Es fehlt nicht nur am Storytelling, sondern auch am Respekt und Gespür für diese Informatik-Szenarien.
Erschwerend kommt hinzu, dass das Marketing unter der mittlerweile ausgeschiedenen Vorständin Julia White faktisch implodierte, was den Konzern ohne Seele und die Kunden ohne strategischen Kompass zurückließ. SAP vernachlässigt den eigenen Bildungsauftrag sträflich, da es schlichtweg einfacher ist, Finanzanalysten mit Cloud-Wachstumsraten zu blenden, als den tatsächlichen Anwendern den komplexen betriebswirtschaftlichen Mehrwert der neuen IT-Werkzeuge mühsam zu erklären.
Cloud only, Cloud first und KI
Das aktuelle Narrativ, das Christian Klein der Öffentlichkeit und den Bestandskunden präsentiert, ist folglich eine verwirrende Kakofonie aus Buzzwords, die sich primär um den erzwungenen Marsch in die Cloud dreht. Seine Geschichte oszilliert erratisch zwischen „Cloud only“, „Cloud first“ und „Hybrid Cloud“, dient aber stets dem ultimativen Ziel, über Programme wie „Rise with SAP“ und „Grow with SAP“ die wertvollen On-prem-Lizenzen in lukrative Cloud-Subskriptionen zu transformieren.
Christian Klein referiert unermüdlich über künstliche Intelligenz, Green Ledger und technische Agilität, bleibt seinen Kunden aber die fundamentale Antwort auf das „Warum“ schuldig, wodurch der Wandel nicht als inspirierende Business-Transformation, sondern als kommerzielles Zwangskorsett wahrgenommen wird. Während die Börse das Narrativ fallender Kosten und steigender wiederkehrender Cloud-Erlöse mit Allzeithochs im vergangenen Jahr feierte, wächst an der SAP-Basis der Frust über fehlende ERP-Visionen, mangelnde Empathie und den drohenden Vendor-Lock-in.
SAP S/4, BTP und BDC
Die Erzählung rund um die Kernprodukte S/4 Hana, SAP BTP und SAP BDC spiegelt diese tiefe konzeptionelle Zerrissenheit wider. Die Story von S/4 begann vor zehn Jahren vollmundig mit dem Versprechen „Run Simple“ auf der schnellen In-Memory-Datenbank Hana, ist aktuell jedoch zu einer reinen Zwangsmaßnahme mutiert, die von der Angst vor dem Wartungsende 2027 respektive 2030 getrieben wird.
Da S/4 zunehmend als starres Vehikel empfunden wird, dessen Innovationskraft stagniert, hat SAP die Business Technology Platform (SAP BTP) als neuen Heilsbringer der Clean-Core-Strategie inszeniert. Die Story der BTP besagt, dass alle individuellen Modifikationen und Abap-Eigenentwicklungen als „Steampunk“ aus dem ERP-Kern verbannt und auf diese agile Nebenplattform ausgelagert werden müssen, um Upgrade-Fähigkeit zu garantieren.
Das jüngste Kapitel in diesem unübersichtlichen IT-Baukasten bildet die Business Data Cloud (SAP BDC), die als rettende „Data Fabric“ das immense Datenchaos auflösen und die SAP-Welt über Schnittstellen mit Hyperscalern und Partnern wie Databricks versöhnen soll.
Ein offizielles Narrativ für SAP BTP und SAP BDC existiert zwar auf dem Papier, es ist jedoch erschreckend blutleer, rein technokratisch und völlig frei von betriebswirtschaftlicher Strahlkraft.
Rebranding von Data Hub und Datasphere
Wie konzeptionslos SAP diese Geschichten erzählt, offenbarte sich bei der Präsentation der Business Data Cloud, die nicht als visionärer Meilenstein auf großer Bühne zelebriert, sondern beiläufig in einem profanen Livestream abgehandelt wurde, was Analysten und die Fachpresse fassungslos zurückließ. Anstatt eine fesselnde Story über ein offenes „Composable Enterprise“ zu weben, in dem BTP und BDC dem Kunden die souveräne Orchestrierung modernster KI- und Daten-Tools ermöglichen, liefert SAP lediglich ein hastiges Rebranding alter Produkte wie Data Hub oder Datasphere.
Wenn SAP nicht schleunigst die Gesetze der narrativen Wirtschaft wiederentdeckt und den Mut zu einer echten, kundenorientierten ERP-Vision findet, läuft der Konzern Gefahr, von seinen Anwendern nicht mehr als strategischer Business-Partner wahrgenommen, sondern nur noch als austauschbarer Infrastruktur-Lieferant in einem zunehmend fragmentierten Plattform-Ökosystem degradiert zu werden.
Ansteckende Viren und kollektive Entscheidungen
Der Wirtschaftsnobelpreisträger aus dem Jahr 2013, Professor Robert J. Shiller, hat mit seinem Buch „Narrative Wirtschaft. Wie Geschichten die Wirtschaft beeinflussen – ein revolutionärer Erklärungsansatz“ belegt, dass Storytelling wie ansteckende Viren wirkt und kollektive Entscheidungen weitaus stärker beeinflusst als reine Fakten oder mathematische Formeln.
Die WiWo schreibt: „Die Kurse einzelner Aktien verzeichnen seit einiger Zeit bemerkenswert heftige Ausschläge, nach oben wie nach unten. […] Grund: die Macht der Narrative. Geschichten haben seit jeher einen großen Einfluss auf die Börsen. Nicht nur die Zahlen müssen stimmen, sondern auch die Story. Ist sie gut, sind Fundamentaldaten zweitrangig.“ (Quelle: WiWo)
Im Vorwort seines Buches „Narrative Wirtschaft“ schreibt Nobelpreisträger Robert J. Shiller: „Wir müssen die Ansteckung durch Narrative in die Wirtschaftstheorie einfließen lassen. Sonst bleiben wir blind für einen sehr realen, sehr greifbaren Mechanismus des wirtschaftlichen Wandels, ebenso wie für ein entscheidendes Element ökonomischer Vorhersagen. Wenn wir die Epidemien populärer Narrative nicht verstehen, erfassen wir den Wandel der Wirklichkeit und des ökonomischen Verhaltens nur unvollständig.“






