Davos Man: Christian Klein


Unlocking Growth by Embracing the Paradoxes of the Intelligent Age
SAP-Chef Christian Klein versucht sich als Philosoph und mathematischer Logiker. Er will ein Paradoxon in der KI-Welt entdeckt haben und meint, dass mit der Lösung dieses Paradoxons die SAP-Bestandskunden ungehindertes Wachstum bekommen. Wohlmeinende Leser des Textes von Christian Klein, der auf der Website des World Economic Forums veröffentlicht wurde, sehen Parallelen zu den anmaßenden Behauptungen des US-Präsidenten Donald Trump.
SAP CEO Christian Klein spricht in seinem Text die Atomisierung der Gesellschaft an, ohne jedoch auf den Urheber dieses Phänomens einzugehen. Zur Orientierung: Auf Wikipedia ist zu lesen, Georg Simmel (1858 bis 1918) war ein deutscher Philosoph und Soziologe. Er leistete Beiträge zur Kulturphilosophie, war Begründer der „formalen Soziologie“, einer Stadtsoziologie und der Konfliktsoziologie. Simmel stand in der Tradition der Lebensphilosophie, aber auch der des Neukantianismus. In einem seiner Hauptwerke, der Philosophie des Geldes (1900), geht er davon aus, dass das Geld immer mehr Einfluss auf die Gesellschaft, die Politik und das Individuum erhält.
Christian Klein schreibt: „Wir sind zwar stärker vernetzt, aber dennoch isolierter. Wir werden mit Informationen geradezu überflutet, können aber nicht auf deren Wahrheitsgehalt vertrauen.“ Das vermeintliche Paradoxon beschreibt SAP CEO Klein folgend: „Da Unternehmen und Regierungen mit Herausforderungen in Bezug auf Souveränität, Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit konfrontiert sind, müssen sie Ansätze verfolgen, die zunächst widersprüchlich erscheinen: mutig investieren trotz begrenzter Ressourcen, Daten teilen und gleichzeitig schützen und im Wettbewerb mit anderen stehen, aber trotzdem mit ihnen zusammenarbeiten. Doch das sind keine Widersprüche – das ist das neue Betriebsmodell.“
Christian Klein verwechselt in seinem Text „Paradoxon“ mit „Widerspruch“ – was umgangssprachlich vielleicht noch gelten kann, aber philosophisch und mathematisch eine veritable Fehlleistung ist. Ein Paradoxon ist eine vorerst logisch abgeleitete Funktion, die letztendlich im Widerspruch (sic!) zur realen Welt steht.
Achilles und die Schildkröte im S/4-Hana-Releasewechsel
Eines der bekanntesten Paradoxa ist der Wettlauf zwischen Achilles, in der griechischen Antike der schnellste Läufer seiner Zeit, und der Schildkröte: Weil Achilles sich des Sieges bewusst ist, gibt er der Schildkröte einen veritablen Vorsprung. Es erfolgt der Startschuss und während Achilles sich schnellen Fußes dort hinbewegt, wo die Schildkröte startete, bewegte sich naturgemäß auch die Schildkröte. Nun legte Achilles erneut die Entfernung zwischen sich und der Schildkröte zurück. In dieser Zeit bewegte sich aber auch die Schildkröte weiter und so weiter und so fort. Das Ergebnis ist einfach und logisch: Der Abstand zwischen Achilles und der Schildkröte wird immer kleiner (mathematisch: eine unendliche Reihe), aber Achilles erreicht bis in alle Ewigkeit niemals die Schildkröte.
Das Bild von Achilles und der Schildkröte mit der unendlichen Reihe – es erscheint also unmöglich für Achilles, das Ziel zu erreichen – ist nicht unähnlich dem ewigen Streben der SAP-Bestandskunden nach dem finalen Releasewechsel. Es gibt immer noch einen Releasewechsel, eine Abap-Modifikation und ein Update!
Cloud, KI und Aktienkurs
Nach dem Fernbleiben von der KI-Show CES in Las Vegas (The Most Powerful Tech Event in the World) Anfang des Jahres hoffte die SAP-Community auf verständliche und erklärende Worte zu den Themen Cloud Computing, KI und dem desaströsen Aktienkurs von den SAP-Vorständen Christian Klein und Thomas Saueressig in Davos auf dem WEF. In den Schweizer Bergen hat jedoch US-Präsident Donald Trump den „Davos Man“ eliminiert. Siehe auch das Buch von Peter Goodman aus dem Jahr 2022: Davos Man – How the Billionaires Devoured the World.
Gegen das laute Geschrei von Trump hatten naturgemäß Klein, Saueressig und viele andere Wirtschaftskapitäne keine Stimme. Damit erwies sich das Fernbleiben in Las Vegas als doppelter Fehler. Es war von SAP strategisch falsch, die CES nicht als KI-Marktplatz zu nutzen, denn nicht nur alle US-amerikanischen IT- und KI-Konzerne waren vertreten, sondern auch führende deutsche Industrieunternehmen wie Siemens, Bosch oder Mercedes – alle diskutierten mit Nvidia die KI-Zukunft, nur SAP nicht. Erklärt sich aus dieser Ignoranz ein desaströser SAP-Aktienkurs oder hat SAP einfach keine KI-Story?
Mit Cloud Computing brachte SAP-Chef Christian Klein den eigenen Aktienkurs zum Fliegen. Im aktuellen KI-Zeitalter stürzt SAP an der Frankfurter Börse ab. Braucht SAP eine neue KI-Strategie oder einen neuen CEO? Tatsache ist, dass SAP viele Antworten im KI-Bereich liefert, aber kaum eine konsistente Strategie. Christian Klein macht KI, so wie es viele andere IT-Konzerne auch machen – das scheint aber für Finanzanalysten zu wenig zu sein und auch für viele SAP-Bestandskunden.


