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Debattierklubs und Symposien (was altgriechisch auch als Trinkgelage übersetzt werden darf) waren immer schon Quelle von Ideen, Innovationen und Evolution. Vor über 2000 Jahren entwickelte sich die griechische und damit später europäische Philosophie aus der Gesprächskultur von Sokrates, Platon und Aristoteles. Von Sokrates selbst ist kein Schriftstück überliefert, seine Philosophie gab es nur als gesprochenes Wort im Dialog. Seine Argumentationskunst ist bekannt als Hermeneutik, die Hebammenkunst.
Seine Frau war die berüchtigte Xanthippe, sie war von Beruf Hebamme. Hermeneutik ist die Wissenschaft oder Kunst der Interpretation und des Verstehens, die sich ursprünglich auf die Auslegung von Texten konzentrierte. Was wir von Sokrates wissen, hat großteils Platon aufgezeichnet und kommentiert.
Die Kunst, einen Diskurs zu führen, nach dem Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889 bis 1951) ein Sprachspiel aufzuführen, scheint verloren gegangen zu sein. Auf der Social-Media-Plattform LinkedIn gibt es von renommierten Journalisten einen Diskurs über die Erreichbarkeit und Rückrufbereitschaft von Pressesprechern (vornehmlich von Dax-Konzernen). Die nicht repräsentative Erhebung ist erschreckend: Kaum eine Pressesprecherin oder ein Pressesprecher getraut sich eine verbale, spontane und direkte Antwort zu geben.
Das Vermögen, einen Diskurs zu führen, scheint verloren gegangen zu sein. Ich kann zu dem Thema nur wenig beitragen, weil ich den bislang letzten Anruf aus der SAP-Pressestelle vor drei Jahren bekam.
Tatsache ist jedoch, dass die Hermeneutik zwischen Anbieter, Anwender und Presse verloren gegangen ist. Es gibt keine offene Gesprächskultur, um gemeinsam neue Ideen hervorzubringen. Ein Satz, den meine Kollegin Andrea Schramm oft hört und liest: Wenn wir etwas brauchen, dann melden wir uns. Das ist ein großer Fehler! Miteinander debattieren, diskutieren und auch streiten fördert immer die gegenseitige Erkenntnis.
Eine Community wie die SAP-Community ist und bleibt eine Wertegemeinschaft. Gemeinsam im Diskurs entwickeln wir uns weiter. Die einsame Kämpferin und den einsamen Kämpfer gibt es naturgemäß noch, aber deren Erfolgskurve sinkt rapide.
Ob Pressestelle oder Marketingabteilung: Der Satz „Kein Anschluss unter dieser Nummer“ ist kontraproduktiv. Was ist aus Ihrer Sicht der Hauptgrund, warum viele Pressesprecher heute kaum noch persönlich mit Journalisten sprechen, wurde in einer spontanen Umfrage von Pinpol auf kress.de (ein renommierter Mediendienst in Deutschland) gefragt. Etwa 25 Prozent der Teilnehmer vermuteten fehlendes Vertrauen oder Kontaktpflege auf beiden Seiten.
Ich kann diese Aussage bestätigen! Vor etwa 15 Jahren veranstaltete SAP sogenannte Influencer-Summits: Für zwei Tage trafen sich SAP-Vorstände, ERP-Experten, IT-Analysten und Journalisten, um über aktuelle Themen zu diskutieren, aber auch um „dumme“ Off-the-Records-Fragen zu stellen. Gemeinsames Essen und Debattieren schaffen Vertrauen und helfen auch in Krisenzeiten.
Diese SAP’sche Gesprächskultur gibt es weder bei SAP noch bei den Partnern. Es wäre an der Zeit, eine Hermeneutik wieder ins Geschäftsleben zu bringen. Es sollte auch miteinander diskutiert und debattiert werden, wenn kein unmittelbarer Handlungsbedarf besteht, denn für vertrauensbildende Maßnahmen sollte immer Zeit sein.


