Autonomous Illusion


Mit der Vorstellung des „Autonomous Enterprise“ auf der SAP Sapphire in Orlando hat SAP erneut einen weitreichenden Technologieschritt angekündigt. Das Konzept umfasst eine einheitliche KI-Plattform zur Entwicklung, Kontextualisierung und Steuerung von Agenten, eine autonome Anwendungssuite für zentrale Geschäftsprozesse sowie neue Benutzeroberflächen, die die Interaktion mit Unternehmenssoftware grundlegend verändern sollen.
Im Rahmen einer Partnerschaft mit Anthropic AI will SAP künftig auch auf die Claude-Modelle zurückgreifen. Diese ergänzen die Foundation Models, die bereits heute die Basis für Joule-Agenten in Personalwesen, Beschaffung und Lieferkettenmanagement bilden. SAP-Vorstandsvorsitzender Christian Klein verspricht sich von der Zusammenführung der Business AI Platform mit der SAP Autonomous Suite eine tiefere Verankerung von KI-Agenten in Geschäftsprozessen, Unternehmensdaten und Steuerungsmechanismen. Die Systeme sollen präzise, gesetzeskonforme und sichere Ergebnisse liefern, neue Umsatzpotenziale erschließen und zugleich Kosten senken. Die zuverlässige und effiziente Umsetzung komplexer nationaler und internationaler Regulierungsvorgaben zählt seit jeher zu den Stärken des Walldorfer Softwarekonzerns. Gerade in Europa gewinnt dieser Aspekt zusätzliche Bedeutung. Der EU AI Act schreibt für viele KI-Anwendungen vor, dass menschliche Aufsicht gewährleistet bleiben und Risiken kontinuierlich überwacht werden müssen.
Showstopper Anthropic AI
Nur wenige Wochen nach der Bekanntgabe der Partnerschaft sorgte Anthropic-CEO Dario Amodei für Irritationen. Er sprach sich öffentlich für eine internationale und anbieterübergreifende Verlangsamung der KI-Entwicklung aus und verwies dabei auf die potenziellen Risiken leistungsfähiger neuer Modelle. Gesellschaftliche und regulatorische Rahmenbedingungen könnten mit der Geschwindigkeit technologischer Fortschritte kaum Schritt halten: „Wir halten es für wünschenswert, dass die Welt die Möglichkeit hat, die Entwicklung hochmoderner KI-Systeme zu verlangsamen oder vorübergehend auszusetzen, damit gesellschaftliche Strukturen und die Forschung zur Ausrichtung der KI mit dem technologischen Fortschritt Schritt halten können.“ Entwicklungszyklen, die sich inzwischen oft in wenigen Wochen vollziehen, stellen Gesetzgeber und Anwenderunternehmen weltweit vor erhebliche Herausforderungen.
Was zunächst wie eine zugespitzte Warnung oder geschickte Positionierung im Wettbewerb wirkte, erhielt eine neue Dimension, als die US-Regierung den Zugang zu bestimmten fortschrittlichen KI-Modellen für nicht US-amerikanische Nutzer einschränkte. Wie sich das bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Anthropic umsetzen lässt, sei dahingestellt. Klar ist dagegen, dass mit dem Schritt erstmals künstliche Intelligenz nicht nur als wirtschaftlicher Faktor, sondern auch als strategische Technologie mit sicherheitspolitischer Relevanz behandelt wird.
Man stelle sich vor, die Europäische Union oder die deutsche Bundesregierung hätte den Einsatz von S/4 Hana für Unternehmen außerhalb Europas untersagt. Genau diese Form technologischer Fragmentierung rückt nun auch bei KI in den Bereich des Denkbaren.
KI-Geist aus der Flasche
Die Begründung lautet, dass hochentwickelte Modelle in den falschen Händen Sicherheitslücken in bislang unbekanntem Ausmaß aufdecken, kritische Infrastrukturen angreifen oder ganze Wirtschaftszweige destabilisieren könnten – sich also der Geist aus der Flasche kaum wieder einfangen lässt. Ob diese Risiken die getroffenen Maßnahmen rechtfertigen, wird kontrovers diskutiert. Unbestritten ist jedoch, dass KI damit endgültig zu einem geopolitischen Faktor geworden ist. Für Europa stellt sich daher die zentrale Frage: Werden Unternehmen künftig von den neuesten Entwicklungen ausgeschlossen und gegenüber Wettbewerbern in den USA auf ältere oder weniger leistungsfähige Modelle zurückgeworfen? Steckt hinter den Sicherheitsargumenten womöglich auch eine neue Form technologischen Protektionismus, die den globalen Wettbewerb zunehmend prägt?
KI-Modelle als Risikofaktor
Will Europa die selbst auferlegten Vorgaben des AI Act konsequent umsetzen, muss die Risikobewertung künftig nicht nur die Speicherung von Daten, sondern verstärkt auch die eingesetzten KI-Modelle und deren langfristige Verfügbarkeit berücksichtigen. Denn das Konzept des Autonomous Enterprise basiert auf einer zentralen Annahme: Die leistungsfähigsten KI-Modelle stehen dauerhaft und uneingeschränkt zur Verfügung. Für SAP-Kunden mag diese Entwicklung auf den ersten Blick weit entfernt erscheinen. Tatsächlich berührt sie jedoch einen Kernaspekt der langfristigen SAP-Strategie. Bislang lautete die entscheidende Compliance-Frage: Darf ich diese KI einsetzen? Künftig könnte eine weitere hinzukommen: Kann ich diese KI auch dauerhaft einsetzen?

Autonomie versus Souveränität
Hier gewinnt auch die Diskussion über digitale Souveränität an Bedeutung. Dabei gilt es, zwischen Autonomie und Souveränität zu unterscheiden. Eine zentrale Schwäche des Konzepts des Autonomous Enterprise liegt bereits im Begriff selbst. Während autonome Systeme in klar definierten technischen Umgebungen – etwa in Rechenzentren oder Produktionsanlagen – durchaus realisierbar sind, gestaltet sich ihre Umsetzung in komplexen Unternehmensstrukturen deutlich schwieriger.
Die Bezeichnung „Autonomous Enterprise“ weckt daher Erwartungen, die sich technisch und organisatorisch nur eingeschränkt erfüllen lassen. Realistischer erscheint die Vorstellung eines hochautomatisierten Unternehmens, in dem KI-Systeme menschliche Entscheidungen unterstützen, anstatt sie vollständig zu ersetzen. „Human in the Loop wird zunehmend zu Human above the Loop: Der Mensch führt nicht mehr jeden einzelnen Schritt selbst aus, sondern überwacht, bewertet und steuert autonome Systeme“, sagt Ulrich Faisst, CTO der All for One Group. Die eigentliche Herausforderung besteht somit weniger darin, den Menschen aus den Prozessen herauszunehmen, sondern vielmehr darin, seine Rolle neu zu definieren. Digitale Souveränität bedeutet in diesem Zusammenhang nicht den Verzicht auf Automatisierung, sondern die Fähigkeit, die Kontrolle über die eingesetzten Technologien, Daten und KI-Modelle dauerhaft zu behalten.
KI ist kein kurzfristiger Hype, sondern gekommen, um zu bleiben. In diesem Spannungsfeld müssen SAP-Bestandskunden heute Investitionsentscheidungen treffen und zugleich die technischen sowie organisatorischen Voraussetzungen für den Einsatz der neuen Technologien schaffen. Dabei prallen zwei sehr unterschiedliche Innovationswelten aufeinander.
SAP und KI – zwei Welten
Auf der einen Seite steht die KI-Branche, in der neue Modelle im Rhythmus weniger Wochen veröffentlicht werden und Leistungssteigerungen in bislang unbekannter Geschwindigkeit erfolgen. Auf der anderen die SAP-Welt, die traditionell von langfristiger Stabilität und Kontinuität geprägt ist – ganz im Sinne des Miele-Slogans „Verlässlichkeit für viele Jahre“. Genau das entspricht auch der Erwartung von SAP-Bestandskunden. Die Komplexität gewachsener SAP-Landschaften erschwert schnelle technische und organisatorische Anpassungen zusätzlich. Ein Blick auf die laufende S/4-Transformation verdeutlicht dies: SAP kündigte das Ende der Mainstream Maintenance für ECC 6.0 bereits 2020 an. Dennoch hat ein erheblicher Teil der Bestandskunden den Umstieg bis heute nicht abgeschlossen. Die Einführung neuer KI-Technologien wird daher zwangsläufig auf Strukturen treffen, die sich nur schrittweise verändern lassen. Vor diesem Hintergrund ist es einfach, die Partnerschaft zwischen SAP und Anthropic zu belächeln oder die Vision des Autonomous Enterprise als weiteres Marketing-Schlagwort abzutun. Nicht SAP gefährdet hier die digitale Zukunft europäischer Unternehmen. Vielmehr könnte das Festhalten an überholten ERP- und IT-Denkmodellen dazu führen, dass Unternehmen den Anschluss an die nächste Technologiegeneration verlieren. Genau das erwarten Kunden von einem Softwarehersteller. Würde SAP aus ideologischen Gründen auf technologisch schwächere Alternativen setzen, wäre die Kritik vermutlich noch lauter.

Michael Englbrecht,
Mitglied der Geschäftsleitung,
Head of SAP,
Exxcellent Solutions

Dr. Ulrich Faisst,
CTO,
All for One Group

Dirk Ott,
Geschäftsführer,
Milliarum
Multi-Model-Strategien
Die KI-Branche bewegt sich zunehmend in Richtung sogenannter Multi-Model-Strategien. Dabei werden unterschiedliche Sprachmodelle je nach Anwendungsfall eingesetzt und bei Bedarf ausgetauscht, um die Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter oder Modell zu reduzieren. Wer hier zu wenig diversifiziert, hat ein Problem und wird eher schneller als längerfristig handlungsunfähig. Das gilt sowohl für SAP als auch für Bestandskunden. Die eigentliche Gefahr für Europas Unternehmen liegt daher nicht darin, dass SAP möglicherweise auf das falsche KI-Modell setzt. Sie besteht vielmehr darin, dass Europa aus Sorge vor Abhängigkeiten erneut den Anschluss an eine technologische Revolution verpasst.
ERP-Romantik und KI-Realität
Hinzu kommt eine oft romantisierte Sicht auf die bisherige ERP-Welt. Die Vorstellung, Unternehmen verfügten heute über vollständige Kontrolle ihrer Systeme und Prozesse, hält einer näheren Betrachtung kaum stand. Die Realität sieht anders aus: Viele SAP-Landschaften sind über Jahrzehnte gewachsene Komplexitätsgebilde. Wer SAP seit Jahrzehnten nutzt, weiß zudem, dass die Abhängigkeit nicht erst durch KI entsteht. Sie resultiert aus der tiefen Integration geschäftskritischer Prozesse in zentrale Unternehmenssysteme. Diese Realität existierte lange vor Cloud Computing, BTP oder Joule. Die Frage lautet daher nicht, ob Abhängigkeiten bestehen, sondern welchen Mehrwert Unternehmen im Gegenzug erhalten.
Autonomie bedeutet im 21. Jahrhundert nicht technologische Isolation. Autonomie bedeutet die Fähigkeit, die besten verfügbaren Technologien souverän und kontrolliert einzusetzen. Genau an diesem Punkt wird jedoch die Bezeichnung „Autonomous Enterprise“ problematisch. Der Begriff suggeriert Erwartungen, dass Lieferketten, Beschaffung, Produktion oder Personalmanagement künftig weitgehend autonom gesteuert werden. Das erinnert an frühere Digitalisierungsversprechen wie das Software-Defined Enterprise. Auch diese erwiesen sich häufig als deutlich langsamer und komplexer als ursprünglich prognostiziert.
„Die meisten Unternehmen haben kein KI-Problem. Sie stehen vielmehr vor der Herausforderung, neue technologische Möglichkeiten mit ihrer bestehenden Realität zu verbinden“, sagt Michael Englbrecht, Mitglied der Geschäftsleitung und Head of SAP bei Exxcellent Solutions.
Vision oder Illusion?
Die Zukunft des Unternehmens liegt wohl nicht im vollständig autonomen Betrieb, sondern in einer intelligenten Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine. KI kann Transparenz schaffen, Entscheidungen beschleunigen und Prozesse optimieren. Die Verantwortung für unternehmerische Entscheidungen bleibt auf absehbare Zeit beim Menschen. Die Kombination aus Prozesswissen, Unternehmensdaten und bestehender Kundenbasis verschafft SAP eine solide Basis. Ob daraus tatsächlich das „autonome Unternehmen“ entsteht, bleibt offen. Viele der angekündigten Funktionen befinden sich noch im Aufbau oder müssen ihre Praxistauglichkeit erst beweisen. Unternehmen stehen zudem vor der Herausforderung, ihre Datenqualität zu verbessern, Prozesse zu harmonisieren und Governance-Strukturen aufzubauen – Aufgaben, die sich nicht allein durch neue KI-Funktionen lösen lassen. Die Vision von SAP ist damit weder reine Marketing-Fiktion noch bereits Realität. Sie markiert einen Richtungswechsel, dessen Erfolg sich erst in den kommenden Jahren im praktischen Unternehmenseinsatz zeigen wird.






