ERP-Pflege muss teuer sein: Ein Diskurs zur SAP-Lizenzpolitik


Die fortschreitende und erfolgreiche Transformation des Walldorfer Softwarekonzerns SAP hin zu einem cloudbasierten Plattformanbieter definiert sich als ein asymmetrisches Machtspiel zulasten der globalen SAP-Bestandskunden, die vor einem existenzbedrohenden Lizenz- und Kostendschungel stehen. Der systematische Übergang vom kundenfreundlichen On-prem-Modell der unbefristeten Kauflizenz mit jährlicher Pflege (CapEx) hin zur unkündbaren Cloud-Subscription (OpEx) im Rahmen von Rise with SAP entzieht den Unternehmen schrittweise jegliche IT-Souveränität und schafft ein finales Vendor-Lock-in. Wer seine Cloud-Miete nicht mehr bezahlt, verliert mit Ablauf der Vertragslaufzeit augenblicklich das Nutzungsrecht an seinem ERP-System und steht vor einem Silo wertloser, uninterpretierbarer Rohdaten.
Dieser Monopolisierungsdrang rief schließlich die europäische Wettbewerbshüterin auf den Plan. Nach intensiven Voruntersuchungen leitete die Europäische Kommission unter der Führung der Exekutiv-Vizepräsidentin Teresa Ribera Rodríguez ein förmliches Kartellverfahren unter dem Aktenzeichen AT.40823 ein, um den eklatanten Ausbeutungsmissbrauch von SAP im On-prem-ERP-Supportmarkt zu untersuchen. Die Kommission stellte vorläufig fest, dass SAP ihre marktbeherrschende Stellung missbrauchte, indem sie Kunden zwang, den Herstellersupport für die gesamte Softwarelandschaft unteilbar zu bündeln, ungenutzte Lizenzen nicht kündigen ließ und exorbitante Reaktivierungsgebühren nach Wartungspausen einforderte.
EU-Kartellverfahren
Zwar musste SAP im Juli 2026 weitreichende Verpflichtungszusagen abgeben wie die Freigabe von Teillandschafts-Kündigungen (Landscape Splits) und die Abschaffung der Reinstatement Fees, doch der SAP-Bestandskunde muss erkennen, dass dieser kartellrechtliche Erfolg ein kleines Trostpflaster auf einer bereits geschlagenen On-prem-Schlacht ist. Da der Support in den neuen Cloud-Subscriptions untrennbar mit den Lizenzen verschmilzt, bleibt die Cloud-Zukunft für freie Drittwartungsanbieter wie Rimini Street de facto verriegelt.

Besonders aggressiv agiert SAP bei der Monetarisierung automatisierter Datenflüsse an den Systemgrenzen. Was einst als ungelöstes Problem der indirekten Nutzung (Indirect Use) die Anwender verunsicherte, wurde 2018 in das belegbasierte Lizenzmodell Digital Access überführt, das jedoch primär als kaufmännischer Knebel dient. Anstatt den menschlichen Nutzer zu zählen, wird hier die schiere Menge der durch Fremdsysteme, IoT oder KI erstellten Dokumente im SAP-Kern astronomisch hoch bepreist, was innovative Geschäftsmodelle wie kostengünstige Ersatzteil-Webshops im Keim erstickt und als künstlicher Hebel genutzt wird, um Kunden in das Rise-Subskriptionsmodell zu drängen.
FUE und Star-Regelwerk
Die wahren Fallstricke dieses Cloud-Regimes wurden im Rahmen des E3-Roundtable (YouTube-Videostream vom 5. August 2026) zum Thema SAP-Lizenzen offengelegt: Andreas Knab, Vice President Sales und Prokurist von Soterion in Stuttgart, zeichnete ein besorgniserregendes Bild der neuen Kontrollintensität in der Cloud-Welt und betonte: „Diejenigen, die in dieses FUE-Modell reingehen wie etwa bei Rise, werden nun monatlich vermessen. Was früher jährlich war, muss jetzt auf Tagesebene aktuell gehalten werden, weil man sonst in ein großes Kostenrisiko reinläuft.“
Diese Umstellung der Lizenzmetrik auf Full Use Equivalents (FUE) zwingt Unternehmen von der periodischen Bereinigung in ein permanentes, tagesaktuelles Berechtigungsmonitoring, SAP-Vermessungstools wie Star klassifizieren Bestandskunden nach ihren theoretisch zugewiesenen Berechtigungen statt nach der tatsächlichen Nutzung. Zwar wies Andreas Knab darauf hin, dass die von SAP angebotene Einfrierung des Star-Regelwerks den Kunden eine gewisse und relative Sicherheit vermitteln soll, doch das grundlegende Compliance-Risiko bleibt ohne dedizierte Governance-Software unkontrollierbar.
Die kaufmännischen Aspekte hinter den ungenutzten Lizenzpaketen demaskierte Myrja Schumacher, Senior SAP Product Manager bei Dynamic License Control (DLC), mit harten Zahlen: „Wir haben Anwendungsfälle, wo tatsächlich mal ein Prozent genutzt wird von dem, was gekauft worden ist – das muss man sich vorstellen, also am Ende des Jahres ist das Geld weg.“
Um dieses Verbrennen von Kapital beim Wechsel in ein standardnahes System (Clean Core) zu verhindern, zog Myrja Schumacher einen bildhaften Vergleich zur ERP-Säuberung heran (siehe Illustration rechts) und warnte davor, den historischen Ballast einfach mitzuschleppen: „Du ziehst auch nicht in eine neue Wohnung und nimmst deinen Müll mit.“
Darüber hinaus entlarvte Myrja Schumacher die neuesten Plattform-Monetarisierungen der SAP als verdeckte Wegelagerei: „Wer Massendaten extrahieren möchte oder KI-Agenten über LLMs anbinden will, der muss in die Business Data Cloud. Das geht nur noch über BTP. Das heißt hohe Verbrauchsgebühren – das ist nicht zu unterschätzen und es ist absolut intransparent.“

Wie existenziell diese verdeckten Kostenfallen für den Fortbestand ganzer Unternehmen werden können, analysierte Lorenz Müller, Principal IT-Management Consulting und SAP-Expert bei HiSolutions, mit forensischer Schärfe, indem er konstatierte: „Und es wird immer mehr Geld, was SAP aus den Unternehmen rauszieht, und es wird teilweise auch existenziell für die Unternehmen, weil die Komplexität ins Unermessliche steigt.“
Lorenz Müller legte den Finger in die Wunde des intransparenten BTP- und BDC-Verbrauchs und offenbarte das Ausmaß der kaufmännischen Ineffizienz, wonach schätzungsweise Milliarden Euro ungenutzt verfallen, da „bei Business Data Cloud mit den Credit Points und Token mehrere Millionen bis Milliarden Euro jeden Monat über den Orkus gehen“.
Lorenz Müller kritisierte zudem die krasse Zweiklassengesellschaft und Diskriminierung des Mittelstands im Rise-Modell: „Wir haben ein Verhältnis, dass ein Großkunde 39 Euro Listenpreis bei Rise zahlt und ein Mittelstandskunde zahlt irgendwo zwischen 56 und 70 Euro, und dann bekommt der Großkunde sehr hohe Discounts und der kleine Kunde bekommt deutlich weniger.“
Flankiert wird dieses kaufmännische Konstrukt durch die im April 2026 erlassene und restriktive API Policy der SAP, die als digitale Zollschranke fungiert. Unter dem Deckmantel von Sicherheits- und Performance-Bedenken verbietet SAP den direkten Abzug von Massendaten zu externen Data-Warehouses wie Microsoft Fabric oder den Einsatz heutiger KI-Agenten von Drittanbietern, sofern diese nicht über die teure, hauseigene SAP BTP oder die BDC geschleust werden.
Missbrauch und Blockade
Während SAP-eigene Werkzeuge wie Integrated Business Planning (IBP) aktiv die performante ODP-Schnittstelle nutzen dürfen, wird diese für alle Wettbewerber blockiert, was vom deutschsprachigen Anwenderverein DSAG als klarer Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung gewertet wird. Wer folglich seine ERP-Daten im KI-Zeitalter mit LLMs veredeln möchte, zahlt an SAPs Zollschranke eine hohe Maut in Form von verbrauchsabhängigen Credit Points und unkalkulierbaren KI-Token-Preisen.
Für den Bestandskunden kann die Empfehlung daher nur lauten, die eigene Lizenzlandschaft durch FinOps, Berechtigungsoptimierung nach dem Prinzip der minimalen Berechtigung und durch kompositionelle Architekturen (Composable ERP) konsequent abzusichern, um sich nicht schutzlos dem unersättlichen Profitstreben des Walldorfer Monopolisten auszuliefern.
Hier gehts zur Aufzeichnung:
Verpassen Sie nicht unseren Roundtable am 16. September, 11:00 Uhr:





