Start-ups retten das Autonomous Enterprise


Cleanfield-Strategie und SAP Clean Core
Die von SAP-Chef Christian Klein und seinem Vorstandsteam propagierte Clean-Core-Strategie ist weit mehr als ein technisches Update. Clean Core markiert einen radikalen, für viele Bestandskunden schmerzhaften Paradigmenwechsel (Cleanfield), der die Ära der architektonischen Freiheiten im R/3- und ECC-Zeitalter endgültig beendet. In der Vergangenheit wurde die Programmiersprache Abap genutzt, um Standardsoftware durch Millionen Zeilen von Z-Programmen und Modifikationen exakt an individuelle Wünsche anzupassen, was als toxisches Erbe die Modernisierung lähmt.
Eine technische Analyse der globalen SAP-Community macht deutlich, dass ein SAP-Bestandskunde das Clean-Core-Programm nicht aus ästhetischen Gründen anwenden sollte, sondern weil es die fundamentale Lebensversicherung für den wirtschaftlich tragbaren Einsatz von künstlicher Intelligenz und für die dringend benötigte Upgrade-Fähigkeit in der Cloud sowie langfristig den Weg zum Autonomous Enterprise darstellt.
SAP BTP als strategischer Anker
Das zentrale architektonische Leitprinzip lautet: Keep the Core Clean. Der digitale Kern von S/4 muss absolut unangetastet bleiben, während sämtliche kundenindividuellen Erweiterungen konsequent entkoppelt und auf externe Plattformen ausgelagert werden. Die Business Technology Platform (SAP BTP) fungiert hierbei als das unumgängliche technische Herzstück und die „Spielwiese“ für Innovationen. Sie bietet als Platform-as-a-Service (PaaS) den notwendigen Rahmen für Side-by-Side-Extensions, die über standardisierte APIs (Achtung: SAP API Policy) mit dem Kernsystem kommunizieren, ohne dessen Stabilität zu gefährden.
Innerhalb dieser Strategie müssen SAP-Bestandskunden auf moderne Entwicklungswerkzeuge wie Abap Cloud, das Abap RESTful Application Programming Model (RAP) und das SAP Cloud Application Programming Model (CAP) setzen. Diese Modelle erzwingen bereits durch ihren Compiler die Einhaltung von Clean-Core-Regeln, da sie den Zugriff auf nicht freigegebene SAP-Objekte technisch unterbinden. Für Fachbereiche gewinnt zudem die Low-Code/No-Code-Plattform SAP Build an Bedeutung, um einfache Anpassungen schnell und standardnah umzusetzen.
Cleanfield: Der intelligente dritte Weg zur Transformation
In der Auseinandersetzung mit Migrationspfaden wie Brownfield (technische Konvertierung inklusive aller Altlasten) und Greenfield (Neuimplementierung mit Verlust von Prozesswissen) hat sich mit Cleanfield ein innovativer dritter Weg etabliert. Dieser Ansatz, der maßgeblich durch das Start-up Nova Intelligence und dessen Agentic-AI-Plattform ermöglicht wird, setzt auf eine „archäologische“ Analyse statt auf bloße Übersetzung.
Autonome KI-Agenten durchleuchten dabei den gesamten historischen Code-Bestand semantisch und rekonstruieren die tatsächliche Geschäftslogik (Business Intent). In einem systematischen Fit-to-Standard-Abgleich identifiziert die KI, welche einstigen Speziallösungen heute durch den S/4-Standard abgedeckt werden können. Nur die wertschöpfenden Differenzierungsmerkmale werden anschließend Clean-Core-konform für die Zielarchitektur neu generiert. Cleanfield verspricht somit ein schlankes S/4-System, das von Tag eins an upgradefähig ist, ohne dass unternehmenskritisches Know-how auf der Strecke bleibt.
In der gegenwärtigen S/4-Transformationslandschaft hat sich ein interessanter Wettbewerb zwischen zwei technischen Kraftzentren entwickelt, die beide versprechen, den Gordischen Knoten aus historischem Custom-Code und technischen Schulden durch den Einsatz von Agentic AI zu zerschlagen: Nova Intelligence und Conduct.
Lift-and-Shift versus Agentic AI
Für den SAP-Bestandskunden, der vor der Wahl zwischen einem riskanten technischen „Lift-and-Shift“ (Brownfield) oder einem verlustreichen Neuanfang auf der grünen Wiese (Greenfield) steht, markieren Nova und Conduct einen Paradigmenwechsel weg von der manuellen Beraterarbeit hin zur algorithmischen Intelligenz. Während Nova Intelligence tief in der Walldorfer DNA verwurzelt ist und durch den SAP-Hana-Miterfinder Professor Alexander Zeier sowie KI-Expertise von Google DeepMind und Meta AI geprägt wird, entspringt Conduct dem Stall der Daten-Spezialisten von Palantir Technologies.
SAP Hana, Clean Core und Abap Cloud
Nova positioniert sich mit seinem proprietären Cleanfield-Ansatz als eine Art archäologischer Architekt des ERP-Systems. Das System nutzt autonome KI-Agenten, um den gewachsenen Abap-Code nicht nur syntaktisch zu übersetzen, sondern dessen fachliche Geschäftslogik, den sogenannten Business Intent, zu rekonstruieren und auf Pflichtenheft-Niveau zu dokumentieren. Ein entscheidender architektonischer Differenzierungsfaktor von Nova ist der native Zugriff auf SAP-interne Primitives wie das Transportwesen, die Indexierung der gesamten Code-Basis und die direkte Integration in moderne Modelle wie Abap Cloud oder RAP.
Nova ist dabei explizit als lebenszyklusorientierte Plattform konzipiert, die das S/4-System auch nach der Migration dauerhaft standardnah und „clean“ halten soll. Referenzkunden wie Festo oder die Kion Group berichten hierbei von drastischen Effizienzsteigerungen, bei denen Code-Analysen, die früher Wochen dauerten, nun in wenigen Tagen erledigt werden.
KI-Betriebssystem für das Autonomous Enterprise
Conduct.ai hingegen tritt als das „KI-Betriebssystem für Unternehmenssoftware“ an. Die von den ehemaligen Palantir-Ingenieuren Jan Philipp Haas, Philipp Höfer und Henry Thompson gegründete Firma nutzt ihre Erfahrung im Umgang mit massiven Datenmengen und komplexen Szenarien, um IT-Teams bei der Transformation ihrer ERP-Landschaften zu unterstützen. Ähnlich wie Nova setzt Conduct auf Agenten, die Altsysteme durchleuchten, Dokumentationen erstellen und Custom-Code automatisiert in die S/4-Welt überführen.
Ein wesentliches Signal für die strategische Relevanz von Conduct ist die Tatsache, dass SAP nicht nur als Partner agiert, sondern über seinen Investmentarm direkt in das Londoner Start-up investiert hat, das bereits 60 Millionen US-Dollar an Risikokapital einsammeln konnte. Conduct wird bereits von Schwergewichten wie Daimler Truck, DHL oder Heidelberg Materials genutzt, um die kognitive Lücke zwischen veralteten Prozessen und der neuen digitalen Realität zu schließen.
Im direkten Vergleich offenbart sich eine unterschiedliche strategische Akzentsetzung: Während Nova seine Stärke aus der tiefen vertikalen Integration und dem Verständnis der SAP-DNA sowie der spezifischen Clean-Core-Vorgaben zieht, punktet Conduct mit einem eher horizontalen Ansatz eines übergeordneten IT-Steuerungssystems. Nova agiert als spezialisierte Intelligenzschicht, die sich nahtlos in die SAP-Governance einfügt und Entwickler direkt an der Codebasis unterstützt. Conduct hingegen nutzt die methodische Strenge und das Intelligence-First-Mindset von Palantir, um die Transformation als Ganzes zu orchestrieren.
R/3-Historie und S/4-Zukunft
Die SAP-Bestandskunden befinden sich gegenwärtig in einem architektonischen Zwangskorsett, das von den Strategen bei SAP unter dem Versprechen des Clean Core als alternativlose Entwicklungsdoktrin propagiert wird. Kritisch analysiert bedeutet dieses Konzept für ein Unternehmen, dass der digitale Kern von S/4 absolut unangetastet bleiben muss, was für viele Organisationen mit Millionen Zeilen historisch gewachsenem Z-Code einer schmerzhaften Operation am offenen Herzen gleicht.
Das Ziel ist eine reaktionsfähige IT-Architektur, die durch Standardisierung wartungsarm bleibt und reibungslose Cloud-Upgrades sowie die Integration von KI-Innovationen ermöglicht. Für den Bestandskunden ist dies existenziell, da technische Schulden in veralteten Systemen die Innovationsfähigkeit bremsen und die Betriebskosten (TCO) durch aufwendige manuelle Tests bei jedem Release-Wechsel explodieren lassen.
SAP Autonomous Enterprise
Die Ära der monolithischen SAP-Modifikationen endet unwiderruflich: Sowohl Nova als auch Conduct beweisen, dass die technische Souveränität des Kunden heute davon abhängt, wie schnell er in der Lage ist, seine gewachsenen Eigenentwicklungen in eine standardnahe, KI-fähige Architektur zu überführen. Die Wahl zwischen beiden Plattformen ist eine Entscheidung zwischen der spezialisierten Tiefe eines SAP-Insiders (Nova) und der methodischen Breite eines Daten-Intelligence-Experten (Conduct). Da SAP bei beiden Anbietern als Förderer oder Investor auftritt, wird deutlich, dass SAP selbst erkannt hat, dass der Weg in das Autonomous Enterprise nur über solche agentischen Brücken führt, die den historischen Ballast der Kunden intelligent entsorgen, anstatt ihn nur in die Cloud zu verschieben.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Clean Core kein IT-Selbstzweck ist, sondern die zwingende Voraussetzung, um das ERP-System vom starren Datengrab hin zum reaktionsfähigen Autonomous Enterprise zu transformieren, das auf Basis sauberer Daten und upgrade-stabiler Logik echte Wettbewerbsvorteile generiert.


