Siemens versus SAP: Smart Factory Battle


Das Siemens IIoT-LLM und industrielle ChatGPT
Siemens plant gezielte Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe, um ein eigenes, hochspezialisiertes industrielles Sprachmodell zu entwickeln, das quasi als industrielles Gegenstück zu ChatGPT fungieren soll und lebensgefährliche Halluzinationen in der Fabrikhalle strikt minimiert. Bei investigativer Betrachtung gleicht SAP im KI-Bereich aktuell eher einem Getriebenen, der mangels einer dominierenden Eigenentwicklung im Bereich Large Language Models (LLMs) einen oberflächlichen „KI-Zuckerguss“ über sein ERP-Portfolio gießt und sich von Technikgiganten abhängig macht.
Für den kritischen SAP-Bestandskunden offenbart sich hier eine dramatische Zäsur: Walldorf liefert zwar weiterhin den unverzichtbaren administrativen Überbau, die eigentliche technische Disruption in der industriellen Produktion wird jedoch zunehmend von Konzernen wie Siemens getrieben, die künstliche Intelligenz als neues Betriebssystem für die Industrie positionieren und reale sowie digitale Welten im industriellen Metaverse verschmelzen wollen.
Wie SAP eine KI in der industriellen Praxis einsetzt
Am SAP‑Stand auf der Hannover Messe Industrie soll der Besucher eine reale industrielle Anwendung live an Maschinen sehen und auch, wie SAP-Bestandskunden mithilfe von integrierter Business-AI komplexe Wertschöpfungsketten als vernetztes Unternehmen steuern. SAP lädt zu einem persönlichen, kompakten Rundgang am Messestand ein: Wie Unternehmen mithilfe von KI und Daten entlang des gesamten Produktlebenszyklus entscheiden, ob Produkte wiederverwendet, aufbereitet oder recycelt werden können.
SAP geht es in Hannover bewusst nicht um Zukunftsversprechen, sondern um die Frage: Was funktioniert heute bereits in der industriellen Praxis und wo liegen die Grenzen? Aber um die Machtverschiebung in den Werkshallen zu durchdringen, müssen SAP-Anwender die oft inflationär genutzten Begrifflichkeiten trennscharf ordnen und in einen logischen Zusammenhang bringen, der beim Sensor beginnt und in autonomen Geschäftsentscheidungen endet.
Industrie 4.0, Smart Factory, IIoT und Edge Computing
Den übergeordneten Rahmen dieses Wandels bildet Industrie 4.0, ein Begriff, der den fundamentalen Paradigmenwechsel und die weitreichende digitale Vernetzung von Menschen, Maschinen und Produkten beschreibt. Die greifbare Manifestation dieser abstrakten Vision ist die Smart Factory, also die intelligente, hochautomatisierte Fabrik, in der Produktionssysteme datengetrieben agieren und sich teilweise selbst organisieren.
Das Nervensystem dieser Fabrik liefert das Industrial Internet of Things (IIoT), welches aus Myriaden von Sensoren besteht, die physische Maschinen digital anbinden und den Shopfloor in einen endlosen Datenstrom verwandeln. Da es jedoch hochgradig ineffizient und sicherheitstechnisch fatal wäre, diese gigantischen Rohdatenmengen ungefiltert in eine zentrale Cloud oder ein träges ERP-System zu senden, fungiert Edge Computing als dezentrale Intelligenz direkt an der Maschine, wo die Datenverarbeitung ohne Latenz und unter Wahrung der strengen Datensouveränität stattfindet.
Auf diese vorbereitete Datenbasis greift die künstliche Intelligenz (KI) zu, die in den aggregierten Sensorwerten verborgene Muster erkennt, Maschinenausfälle präzise prognostiziert und Prozesse optimiert. Die evolutionäre Speerspitze dieses Ökosystems bildet schließlich die Agentic AI, bei der autonome KI-Agenten nicht mehr nur passiv analysieren, sondern eigenmächtig Handlungen ausführen, indem sie beispielsweise selbstständig Lieferanten kontaktieren, Produktionspläne dynamisch anpassen oder Ersatzteile im System nachbestellen.
Die Orchestrierung in der Smart Factory
In diesem technischen Orchester definieren sich die Rollen der beiden Giganten SAP und Siemens sehr deutlich, auch wenn die Grenzen zunehmend verschwimmen. Siemens beherrscht unangefochten die Operational Technology (OT), also die raue, physische Welt der Automatisierungstechnik, Sensorik, Edge-Computing-Hardware und der industriellen KI-Modelle tief in der Fabrik. SAP hingegen ist der traditionelle Meister der Information Technology (IT) und des sogenannten Topfloors, der mit Systemen wie S/4 Hana die betriebswirtschaftlichen End-to-End-Prozesse vom Einkauf über die Finanzbuchhaltung bis zum Controlling orchestriert.
Blickt ein SAP-Bestandskunde auf das spezifische Smart-Factory-Portfolio aus Walldorf, so findet er primär cloudbasierte Softwarelösungen wie SAP Digital Manufacturing, welches die älteren On-prem-Systeme ME und MII bis 2030 ablösen soll, sowie SAP Plant Connectivity zur Anbindung der maschinellen Anlagen. Der unbestreitbare Vorteil dieses SAP-Ökosystems liegt in der nahtlosen betriebswirtschaftlichen Integration, die theoretisch sicherstellt, dass eine Temperatur-Anomalie an der Fräsmaschine ohne mediale Brüche direkt zu einer automatisierten Bestellanforderung und einer finanziellen Rückstellung im S/4-System führt.
Rise with Smart Factory
Kritisch hinterfragt offenbart die SAP-Strategie jedoch massive Nachteile und operationelle Risiken für den Bestandskunden. SAP zwingt seine industriellen Anwender mit enormem Druck in die Cloud, wodurch geschäftskritische Produktionsdaten das geschützte firmeneigene Rechenzentrum verlassen müssen, was bei vielen Produktionsunternehmen auf massive Sicherheits- und Souveränitätsbedenken stößt.
Noch toxischer wirkt sich die Walldorfer KI-Politik aus: SAP knüpft die neuesten KI-Innovationen aggressiv an Cloud-Verträge wie Rise with SAP und schließt treue On-prem-Kunden von essenziellen Entwicklungen aus, was einer faktischen Innovationsblockade für klassische, sicherheitsbewusste Fabrikbetreiber gleichkommt.
Letztlich muss der aufgeklärte SAP-Anwender erkennen, dass SAP allein keine Fabrik smart machen kann, sondern in der rauen Produktionswirklichkeit stets auf das Hardware- und OT-Know-how von Technologiepartnern angewiesen ist, während der Softwarekonzern primär versucht, seine Plattformökonomie über die Business Technology Platform (BTP) und intransparente Cloud-Lizenzmodelle durchzusetzen.
In der Zwischenzeit hat Siemens das Betätigungsfeld Software und KI für sich erobert und macht in der Fabrik dem ERP-Weltmarktführer SAP ordentlich Konkurrenz. Hierbei ist Siemens wesentlich mutiger und innovativer: Eine Kooperation mit Nvidia gibt es schon seit vielen Monaten, während SAP erst in diesem Jahr einen KI-Vertrag abschloss. Bei Smart Factory scheint SAP abermals einen wichtiges Informatikgebiet an einen Mitbewerber zu verlieren. Auf der Hannover Messe werden die SAP-Bestandskunden den Wettstreit zwischen Siemens-CEO Roland Busch und SAP-CEO Christian Klein vor Ort erleben.
SAP hatte einst unter Ex-Technikvorstand Bernd Leukert große Ambitionen im Bereich Industrie 4.0 und IIoT. Es gab sogar unter Leitung von Tanja Rückert, ehemals SAP und aktuell Mitglied der Geschäftsführung bei Robert Bosch im Bereich Digital Business und Services, einen Industrie-4.0-SAP-Kongress in Frankfurt mit dem Ehrengast Professor Henning Kagermann, Ex-SAP CEO. Die SAP-Industrie-Initiative wurde unter dem Synonym Leonardo zusammengefasst.





