Der radikale AI Agent


Cloud, KI und Qubits
Während sich die SAP-Bestandskunden evolutionär der ECC-Deadline 2030 vorsichtig annähern, überrascht SAP-Chef Christian Klein immer wieder mit neuen, technischen Kunststücken: Nach Cloud Computing folgte KI, dann Agentic AI sowie Quanten Computing. Hilfreich ist das alles nicht. Der SAP-Aktienkurs bleibt weit entfernt von seinem Allzeithoch.
Für den SAP-Bestandskunden muss das Fazit dieser investigativen Betrachtung lauten, dass blinder Technologiegehorsam gegenüber den Heilsversprechen aus der SAP-Zentrale Walldorf existenzbedrohend sein kann. Die Möglichkeiten von generativer KI und autonomen KI-Agenten im SAP-Umfeld sind unbestritten faszinierend, doch solange die elementaren Grundlagen wie eine exzellente Datenqualität (Clean Core), verlässliche Exit-Strategien und lückenlose Haftungsfragen nicht geklärt sind, gleicht der KI-Einsatz im ERP-Herzen einer Operation am offenen Herzen mit ungetesteten Instrumenten.
Wahre digitale Souveränität erfordert von den Anwenderunternehmen heute ein Höchstmaß an kritischer Distanz, den Aufbau eigener KI-Kompetenzen jenseits der Walldorfer Marketingbroschüren und den Mut, von SAP transparente IT-Plattformen zu fordern, die echte Flexibilität ohne vertragliche Erpressung bieten.
Der radikale KI-Umbau von Christian Klein
In einem Interview des Manager Magazins erklärt SAP-Chef Christian Klein, dass nach Cloud Computing nun die KI-Revolution ansteht. Aber KI von SAP auf der BTP (Business Technology Platform) mit dem GenAI Hub überzeugt die meisten SAP-Bestandskunden nicht. Michael Kroker schreibt auf wiwo.de: „Die Relevanz von SAP für die Anwender in Deutschland verharrt auf hohem Niveau. Beim Megathema Künstliche Intelligenz greift die große Mehrheit der Kunden jedoch zu anderen Anbietern.“ (Quelle: WiWo)
In der aktuellen DSAG-Investitionsumfrage geben 77 Prozent der Mitglieder, die bereits KI-Use-Cases umgesetzt haben, an, diese mit Non-SAP-Lösungen in Produktion bzw. Nutzung zu haben, während nur drei Prozent hier auf SAP setzen. 65 Prozent befinden sich mit Non-SAP-Lösungen in der Testphase, bei SAP-Lösungen sind es acht Prozent. „Diese Zahlen sollten im Kontext der Erhebungsgrundlage gesehen werden sowie der unterschiedlichen Komplexität bei Anwendungsszenarien. Für einen Use-Case im SAP-Umfeld gelten andere Anforderungen als für die Nutzung von z. B. Standardlösungen auf der Basis von Large-Language-Modellen“, erklärt Jens Hungershausen, DSAG-Vorstandsvorsitzender.
Im Rausch der KI
Der ERP-Gigant SAP aus Walldorf inszeniert sich im Rausch der künstlichen Intelligenz als technischer Vorreiter, doch für den kritischen SAP-Bestandskunden entpuppt sich das omnipräsente Marketingversprechen rund um SAP Business AI bei genauerer Betrachtung oft als teurer Zuckerguss über einem strategischen Vakuum. SAP-Chef Christian Klein peitscht den Konzern in Richtung Cloud und KI, um primär den Aktienkurs zu beflügeln und Analysten zu befriedigen, offenbart dabei jedoch ein eklatantes Defizit an eigener, tiefgreifender KI-Kernkompetenz.
Anstatt eine souveräne, eigenständige KI-Vision für komplexe ERP-Landschaften aus eigener Kraft zu entwickeln, fungiert SAP zunehmend nur noch als Integrator für die Sprachmodelle der großen US-Hyperscaler und Start-ups, was die einstige technische Innovationsführerschaft massiv infrage stellt.
KI-Startrampe: SAP Business Technology Platform
Das technische Vehikel für diese fremdgesteuerte KI-Offensive ist die SAP Business Technology Platform (BTP) mit ihrem hochgelobten Generative AI Hub. Dieser Hub wird der Community als sicherer und zentraler Zugangspunkt zu Large Language Models (LLMs) wie denen von OpenAI, Anthropic, Google oder Mistral vermarktet, fungiert in der harten kommerziellen Realität jedoch als strategische Mautstation der Walldorfer.
Bestandskunden werden hierbei in ein hochkomplexes und intransparentes Netz aus verbrauchsbasierten Lizenzmodellen – sogenannten AI Units und Cloud Credits – gedrängt, deren tatsächliche finanzielle Auswirkungen im operativen Betrieb oft unkalkulierbar sind und ein enormes Risiko bergen. Zudem instrumentalisiert SAP die generative KI als gnadenloses vertriebliches Druckmittel: Wer als treuer On-prem-Kunde nicht in die teuren, fremdbestimmten Cloud-Verträge von Rise with SAP oder Grow with SAP wechselt, wird von wesentlichen KI-Innovationen rigoros ausgeschlossen. Die BTP wird somit für den Anwender zum Zwangskorsett, das die digitale Souveränität untergräbt und das Unternehmen in einen tiefen Vendor-Lock-in führt, bei dem der Cloud-Exit vertraglich kaum noch realisierbar ist.
Agentic AI: der radikale AI Agent
Eine noch weitaus brisantere Dimension erreicht diese technologische Entwicklung mit dem aktuellen Hype um KI-Agenten und Agentic AI. Während SAP mit dem digitalen Assistenten Joule und sogenannten Joule Agents, die komplexe Aufgaben von der Beschaffung bis zum Finanzwesen eigenständig erledigen sollen, eine neue Ära der autonomen Prozesssteuerung beschwört, drängen sich fundamentale, ungelöste Fragen der Governance auf. Diese KI-Agenten sind keine simplen, deterministischen RPA-Bots mehr, sondern autonome Einheiten, die auf Basis probabilistischer Wahrscheinlichkeiten Entscheidungen treffen und Aktionen in geschäftskritischen ERP-Systemen ausführen sollen.
In der kritischen SAP-Community wächst daher die berechtigte Sorge vor einem katastrophalen Kontrollverlust: Wer haftet für den astronomischen Schaden, wenn ein autonomer KI-Agent aufgrund einer unvorhersehbaren Halluzination eines Large Language Models falsche Buchungen vornimmt, Lieferketten fehlleitet oder gar essenzielle Unternehmensdaten korrumpiert?
ERP-Frankenstein-Architektur und Composable ERP
Zudem verschärft sich durch den unregulierten Einsatz von Agentic AI die architektonische Komplexität zu einer regelrechten „Frankenstein-Architektur”, vor der selbst SAP-Vorstände warnen müssen, um ihr eigenes Produktportfolio zu rechtfertigen. In der hybriden IT-Realität der Bestandskunden, in der neben SAP auch Systeme wie Salesforce, Workday oder ServiceNow mit eigenen KI-Agenten operieren, fehlt eine übergeordnete „Straßenverkehrsordnung” für diese autonomen Akteure völlig.
Wenn der KI-Agent des CRM-Systems mit dem Agenten des ERP-Systems kollidiert, bleibt völlig unbeantwortet, welches System die finale Deutungshoheit über den End-to-End-Prozess besitzt. Anstatt dieses drohende KI-Chaos durch ein echtes, harmonisiertes Composable ERP mit klarer Kontrollinstanz zu ordnen, droht dem Anwender ein gefährlicher Flickenteppich, bei dem die unternehmerische Hoheit über die eigenen Daten im Kampf der Algorithmen zerrieben wird.





