SAP Rise: Eine Frage der Souveränität


Die SAP-Debatte hat eine neue Ebene erreicht. Es geht längst nicht mehr nur um den Umstieg auf SAP S/4 Hana oder die Modernisierung alter Prozesse. Im Raum steht die Frage: Wie viel digitale Souveränität wollen – und können – Unternehmen künftig bewahren?
Muss ein SAP Cloud ERP zwangsläufig in den Rechenzentren globaler US-Cloud-Anbieter laufen? Oder gibt es realistische Alternativen, bei denen kritische Systeme, Daten und Prozesse unter eigener Kontrolle bleiben? Für die zeitgleiche Einführung von KI-Lösungen und den damit verbundenen Bedarf an hybriden Cloud-Fähigkeiten der Unternehmen stellt sich diese Frage nahezu identisch. Es ist keine bloße Architektur-Diskussion. Es geht um die strategische Handlungsfähigkeit von Unternehmen – und um Europas digitale Unabhängigkeit.
SAP reagierte im Jahr 2025 auf die sich ändernden und wachsenden Anforderungen der Kundenlandschaft mit einer strategischen Weiterentwicklung des Cloud-Transformations-Programms.
Rise-Journey und SAP Cloud ERP
Während zuvor die Migration auf S/4 Hana in Kombination mit dem weitgehend standardisierten Cloud-Only-Betriebsmodell im Vordergrund stand, wurde dieser Ansatz um das deutlich umfassendere Konzept der sogenannten „Rise-Journey“ erweitert. Im Kern verfolgt dieses Modell einen langfristig angelegten Transformationspfad, bei dem gemeinsam mit dem Kunden ein Zielbild für die zukünftige Funktions- und Prozesslandschaft samt wirtschaftlichen Effekten definiert wird. Im Gegensatz zu früheren, stärker von Funktionen, Plattformen und Terminen getriebenen Rise-Vereinbarungen gibt es jetzt deutlich erweiterte Gestaltungsspielräume. Für Unternehmen müsste dies höhere Flexibilität hinsichtlich der zeitlichen Ausgestaltung einzelner Transformationsphasen sowie möglicher Ausstiegs- und Anpassungsoptionen zur Folge haben. Ein wichtiger Punkt, wenn sich über den langen Zeitraum abzeichnen sollte, dass wirtschaftliche oder funktionale Ziele nicht im erwarteten Umfang realisiert werden können.
Komplexe S/4-Migration
Spannend wird zu beobachten sein, ob die unzähligen SAP-Kunden-Systeme tatsächlich irgendwann einmal in einem funktional vergleichbaren einheitlichen Software-Cloud-Service aufgehen werden. Schließlich macht ein reiner Lift-und-Shift-Ansatz – gerade bei den ERP-Systemen – nur wenig Sinn und rechtfertigt die erheblichen Mehrkosten häufig nicht.

GreenLake Plattform für die strategische SAP-Transformation.
Gleichzeitig adressiert SAP mit diesem Ansatz ein zentrales praktisches Problem, das insbesondere große und komplex auf-gestellte Unternehmen betrifft: Die vollständige Migration der Altsysteme auf S/4 Hana bis zum Ende der Wartung im Jahr 2030 ist für viele Organisationen unter den bestehenden Rahmenbedingungen kaum realisierbar. Diese Einschätzung wird auch durch Anwendervereinigungen wie die DSAG gestützt, die weiterhin auf einen -insgesamt schleppenden Fortschritt der S/4-Hana-Migrationen hinweisen; nicht nur bei großen Kunden.
Vor diesem Hintergrund befindet sich ein erheblicher Teil der Unternehmen noch am Anfang dieser beschriebenen Reise.
Erst am Anfang der S/4-Reise
Charakteristisch für diese Phase ist, dass das angestrebte Zielbild häufig nur qualitativ beschrieben werden kann. Konkrete Aussagen zu Effekten auf Kostenstrukturen, Prozessverbesserungen oder funktionale Entwicklungen bleiben zunächst mit Unsicherheiten behaftet. Folglich werden realistische Zahlen – wenn überhaupt – erst in fortgeschrittenen Stadien der Transformation quantifizierbar sein.
Für SAP stellt sich das langfristige Ziel deutlich klarer dar: Das Erlösmodell wächst zwangsläufig – Betriebserträge ergänzen Softwareerlöse. Hardware, Fremdservices und Leistungen, die früher der Kunde oder Dritte erbracht haben, tauchen nun als Cloud-Umsatz in den SAP-Büchern auf. Kennziffer: „Annual Recurring Revenue“ (ARR). Den Infrastruktur-Service liefert – sofern der Kunde nicht mit erheblichen Einwänden dagegenspricht – meistens ein Hyperscaler. Die Kundenbindung geht in eine neue Dimension der Abhängigkeit. Während sich die Bindung bislang primär auf die eingesetzte Software beschränkte, erweitert sie sich nun auf einen kaum auflösbaren Gesamtservice aus Anwendungen, Datenbeständen sowie den zugrunde liegenden Systemplattformen. Diese enge Verknüpfung von Softwarehersteller und in der Regel US-Cloud-Anbieter stößt Kunden auf. Zum ohnehin ausgeprägten Software-Lock-in kommt ein weiterer beim Hyperscaler hinzu.

Die Folgen: eingeschränkte technologische und organisatorische Souveränität. In Krisen kann auf die eigene IT kaum oder gar nicht mehr Einfluss genommen werden. Schwer kalkulierbare und managebare Kosten können aufgrund fehlender Exit-Optionen bei wirtschaftlichen Problemen zu Brandbeschleunigern werden. Viele suchen daher nach souveräneren Wegen. Irgendwie wenigstens in Teilen etwas Kontrolle behalten oder im Fall der Fälle wieder übernehmen zu können.
Cloud nutzen, on-prem bleiben
Seit Start von Rise bietet SAP auch ein On-Prem-Cloud-Modell an: „SAP Cloud ERP Private, Customer Data Center Option (CDC)“. Die Software läuft dabei im Rahmen des SAP-Cloud-Vertrags auf Infrastrukturen im eigenen Rechenzentrum des Kunden oder in einer Co-Location seiner Wahl. Auf jeden Fall behält das Unternehmen somit den physischen Zugang zu Systemen, Datenspeichern und Anwendungen – ein möglicher Trumpf für Disaster- oder Exit-Szenarien.
Der Unterschied zum Hyperscaler-Deployment liegt bei diesem Modell primär im Standort. Technik und Funktion sind identisch. Die einheitliche Codeline der SAP-Software garantiert Funktionsgleichheit aller Deployment-Modelle. Letztlich läuft auf allen zertifizierten beziehungsweise von SAP angebotenen Optionen die gleiche Software.
Plus: Latenzen und Performance
Ein Beispiel für diese Lösung ist das dänische Energietechnik-Unternehmen Danfoss. Es nutzt die On-Prem-Option von Rise für den Betrieb seiner SAP-S/4-Hana-Umgebung. Zum Einsatz kommen bei den Dänen die GreenLake Cloud Services von HPE. Der Vorteil dabei ist, dass Danfoss dafür weiterhin seine energieeffizienten modularen Rechenzentren nutzen kann, die es am Hauptsitz im dänischen Nordborg betreibt.
Die Öffnung zu mehr Souveränität beim Einsatz von SAP-Lösungen brachte neben den Hyperscaler-Angeboten und den vorhandenen On-Prem-Möglichkeiten noch weitere, auch in Europa lokalisierte Lösungsansätze. Im September 2025 stellte SAP zudem die „SAP Sovereign Cloud“ vor. Funktionsumfang und Technik befinden sich jedoch noch in einem frühen Stadium. Insofern müssen konkrete breit einsetzbare Kundenszenarien erst spezifiziert beziehungsweise abgewartet werden.
HPE GreenLake
Wie kommt man in die Cloud, ohne die Kontrolle zu verlieren? Eine Antwort liefert GreenLake von HPE. Der Service stellt Compute, Storage und Netzwerk lokal oder hybrid „as a Service“ bereit – mit allen typischen Cloud-Eigenschaften. Das wesentliche Differenzierungsmerkmal: Der Betrieb läuft an einem Standort nach Wahl des Unternehmens. Folglich nutzt auch SAP die GreenLake-Lösung von Beginn an als eine On-Prem-Option innerhalb Rise bei Kunden, für die der Einsatz eines der großen Public-Cloud-Anbieter keine Option ist.
Für Unternehmen, die ein höheres Maß an technologischer und operativer Unabhängigkeit anstreben, stellt der Bezug von GreenLake als Cloud-on-Premises-Modell direkt über Hewlett Packard Enterprise (HPE) eine alternative Betriebsoption dar.
In diesem Szenario wird die SAP-Umgebung – zum Beispiel für SAP S/4 Hana – nicht in einer vollständig vom Softwareanbieter kontrollierten Public-Cloud-Infrastruktur betrieben, sondern in einer de-dizierten, kundennahen Umgebung, die dennoch cloudtypische Betriebs- und Abrechnungsmodelle ermöglicht.
Der wesentliche Vorteil dieses Ansatzes liegt in der erweiterten Souveränität des Kunden: Unternehmen behalten die Entscheidungsfreiheit darüber, welcher Dienstleister für den Applikationsbetrieb verantwortlich ist, wie der zugrunde liegende Technologie-Stack konkret ausgestaltet wird und an welchen Stellen gezielt Einfluss auf Kostenstrukturen genommen werden kann. Dies betrifft sowohl Infrastrukturkomponenten als auch Betriebs- und Serviceprozesse. Die wesentliche Voraussetzung für dieses Vorgehen ist, dass für den Betrieb entsprechende, gültige SAP-Lizenzen vorhanden sind. Innerhalb dieses Rahmens eröffnet das Modell jedoch signifikant größere Freiheitsgrade im Vergleich zu stärker standardisierten, vollständig integrierten Cloud-Angeboten und kann somit einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung einseitiger Abhängigkeiten leisten. Als Hybrid-Cloud-Plattform bündelt GreenLake Workload-Services von Hyperscalern, eigener IT und Drittanbietern. Aus „Hybrid Cloud by Accident“ wird „Hybrid Cloud by Design“. Den Betrieb übernimmt HPE, das interne IT-Team des Kunden oder ein Serviceprovider.

„Es geht um die strategische Handlungsfähigkeit von Unternehmen – und um Europas digitale Unabhängigkeit.“
Albrecht Munz,
Business Development Manager DACH,
HPE
Basis nicht nur für SAP-Services
Unabhängig vom Betreibermodell gilt: Fällt der Public Cloud Service aus, laufen die Kernsysteme beim Kunden 1:1 weiter; wobei Administrations- und Integrationsprozesse entsprechend angepasst werden müssen. Unabhängig vom jeweiligen Deployment-Modell bleibt hochverfügbare, skalierbare Infrastruktur die Basis für wirtschaftlichen IT-Betrieb. Konsequent haben SAP, Intel und HPE im Rahmen von Co-Engineering-Projekten diese Systeme gemeinsam weiterentwickelt.
Als ein Ergebnis decken HPE-Server basierend auf Intel-Xeon-Prozessoren heute von der kleinsten bis zur größten SAP-Instanz alle Leistungsstufen ab. Der IDC MarketScape Report – SAP Hana-Certified Server 2026 – veranschaulicht die Position. Diese Systeme stecken heute in Hyperscaler-Rechenzentren, Kunden-Datacentern oder bei Private-Cloud-Anbietern. Beispiel: Der Bankenspezialist FI-TS in München setzt HPEs Scale-up-Server 3200 mit Intel-Xeon-Prozessoren großflächig für seine SAP-Dienste ein.
KI-Strategie und Hybrid-Cloud
Parallel zu den SAP-Transformationen explodiert der Bedarf an KI-Lösungen. Diese fordern ebenso Infrastrukturen und Infrastruktur-Services, deren Profile und Funktionalitäten sehr unterschiedlich sein können. Auch bei diesen neuen Themen spielen Sicherheit, Souveränität und Kontrolle eine bedeutende Rolle. Ein Fazit, dem sich viele Verantwortliche in den Unternehmen heute stellen und das die Komplexität der Transformation zusätzlich steigert.
Die IT-Transformation bildet somit ein strategisches Dreieck aus S/4-Transformation und Betriebsmodell, skalierbarer KI-Strategie sowie wirtschaftlich tragfähiger Hybrid-Cloud. Dabei setzt das KI-Portfolio von HPE ebenso auf den GreenLake Services auf und folgt dem hybriden Ansatz: KI läuft dort, wo Daten entstehen – im eigenen Rechenzentrum, am Edge oder in der Cloud. Ziel: flexible, skalierbare und zugleich souveräne KI-Nutzung. GreenLake unterstützt klassische und generative KI-Workloads. HPE versteht KI als hybriden, kontrollierbaren Service – nicht als reine Public-Cloud-Lösung.

HPE GreenLake bündelt als Hybrid-Cloud-Plattform Workload-Services von Hyperscalern, eigener IT und Drittanbietern.
Fazit
SAP-Journey, KI-Innovation und daten-getriebene Geschäftsmodelle hängen untrennbar an Cloud-Plattformen. Das erzeugt ein Spannungsfeld zwischen Innovation und Kontrolle. Wer sich abkoppelt, verliert Tempo; wer sich völlig ausliefert, gerät in Abhängigkeit. Die Kunst: globale Innovationskraft nutzen und technologische wie wirtschaftliche Souveränität wahren. Souveränität ist eine Daueraufgabe. Die SAP-Journey bleibt deshalb weniger ein technisches Projekt als eine strategische Weichenstellung. (rk, Quelle: HPE)



