Le nouveau monde de l'IA : aspects autour des LLMs


E3 : Vor drei Jahren haben Sie auf der E3-Veranstaltung Steampunk und BTP Summit in Heidelberg einen viel beachteten Vortrag gehalten, den man so zusammenfassen kann: Sie haben die einzelnen Funktionen und Aktivitäten der SAP sehr gelobt und gesagt, das habe alles Hand und Fuß, aber SAP BTP sei keine Plattform, weil die gemeinsame Oberfläche fehlt, das gemeinsame Lizenzmodell etc. Interessanterweise hat sich an dem Zustand nicht viel geändert. Wie sehen Sie das?
Wolfram Jost, CEO Scheer IDS: Ja und nein. Ich denke, dass die Verwaltungsoberfläche von SAP schon vereinheitlicht wurde. Auf der anderen Seite aber auch, dass die einzelnen Tools oder Produkte oder Systeme, die in der BTP angeboten werden, für die verschiedenen Sichten, für Datenintegration und Prozessautomatisierung und für andere Funktionalitäten, was das Thema Methoden-UI betrifft, noch nicht sehr harmonisiert sind. Man sieht, dass sie von verschiedenen Ecken aus entwickelt wurden. Da ist aber auch viel in Bewegung. Das Thema UI ist momentan sehr stark in der Veränderung. KI-Agents und Coding-Agents haben natürlich großen Einfluss darauf, wie die BTP zukünftig aussieht. Gerade was das Thema Development betrifft.
E3 : Und wenn ich jetzt auf Ihr Unternehmen schaue: Wie positionieren Sie sich in genau diesem Umfeld? In dem Agentic AI immer mehr an Bedeutung gewinnt?
Jost: Jeder redet ja von KI-Agenten und Agentic AI und viele verstehen was anderes darunter. Also, für uns ist ein Agent ein Stück Software. Und es funktioniert autonom. Es geht also um Exekution. Das ist kein Chatbot. Das ist kein System, in dem man was fragt und eine Antwort bekommt. Das ist für mich kein Agent, sondern das ist ein Chatbot. Ein Agent ist ein Stück Software, das mit IT-Technik in der Lage ist, eine vorgegebene Aufgabenstellung weitestgehend autonom auszuführen. Manchmal mit Human Touch. Wir kommen von der Prozessseite. Unsere Positionierung mit unserer Plattform sind agentische Geschäftsprozesse. Wir sind in der Lage, Agents zu entwickeln, die sich in bestehende Geschäftsprozesse integrieren oder komplette Geschäftsprozesse sogar ablösen. Wir kommen immer vom Geschäftsprozess. Wir sagen seit über 40 Jahren: Es beginnt alles beim Prozess und es endet alles beim Prozess. Daran wird sich auch nichts ändern. Ja, es fehlt vielen Plattformen der Bezug zum Geschäftsprozess. Und wir glauben eben nicht, dass diese Agenten alleine durch die Gegend schwirren und irgendwas tun, denn sie müssen ja auch orchestriert werden. Deswegen nennen wir unsere Plattform ja auch eine Agentic Orchestration Platform, weil diese Orchestrierung der einzelnen Agenten zu End-to-End-Prozessen führt. Das ist für uns der Mittelpunkt in unserer Positionierung. Damit unterscheiden wir uns auch.

„MCP-Server sind das Maß aller Dinge. Spannend wird sein, ob SAP einen Model-Content-Protocol-Server anbieten wird.”
Wolfram Jost,
PDG,
Scheer IDS
E3 : Ist Scheer ein Unterstützer der SAP-Geschäftsprozesse? Unterstützen Sie das, was in einem S/4-System stattfindet, mit Ihrer Agentic Platform oder gehören Sie zu den Killern von SAP-Systemen?
Jost: Ja, das ist die Frage aller Fragen. Werden diese SaaS-Applikationen überleben, wie sie denn gebaut wurden vor vielen Jahren, oder nicht? Und das sehen wir ja an den Aktienkursen. Es gab viele Berichte darüber, dass ebendiese Agenten dazu führen könnten, dass diese SaaS-Anbieter nicht mehr die Benutzerschnittstelle sind, sondern nur noch das Backend bilden – und die Benutzerschnittstelle von Agenten ausgeführt wird. Es ist momentan etwas übertrieben, aber es ist was Wahres dran. Es gibt Prozesse, die ändern sich schnell. Die haben eine höhere Änderungsrate. Und überall dort, wo ich nicht den Prozess deterministisch vorbestimmen kann, wo er häufigen Änderungen unterliegt, ist die klassische harte Programmierung nicht der richtige Weg. Da, denke ich, können Agents mit ihren stochastischen Eigenschaften und ihrer Flexibilität die Kundenanforderungen besser abdecken. Das heißt, ich denke, dass wir zukünftig eine hybride Welt haben. Wir werden immer noch Prozesse haben, die relativ deterministisch sind, die laufen jeden Monat genauso ab, die ändern sich kaum.
E3 : Und wo finden wir dann Agentic AI?
Jost: Es macht keinen Sinn, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen und zu sagen, das müsste jetzt alles Agentic AI sein. Im Gegenteil, es wäre auch kontraproduktiv, weil diese Agents bis heute noch nicht die Verlässlichkeit haben, wie man sie braucht. Aber in den anderen Bereichen, in denen es um Innovation geht, in denen es um Geschwindigkeit geht, kann es sinnvoll sein. Und dann ist ja die Frage: Wer baut diese Agents? Baut die SAP mit ihrer Plattform oder wird es andere Plattformen geben, mit denen man solche Agents bauen kann? Und ich denke, die SAP wird sicherlich Standardagenten anbieten, also vordefinierte Agents out of the box, die man noch ein bisschen customizen kann. Dann wird es aber auch von SAP sicherlich eine Plattform geben, mit der man kundenindividuelle Agents entwickeln kann, quasi die nicht von SAP als Standard vorgegeben werden. Da, bin ich der Meinung, muss man sich als SaaS-Anbieter öffnen. Da muss einfach die beste Plattform gewinnen oder die, die am besten passt.
E3 : Ist also die Zukunft hybrid?
Jost: Ich denke nicht, dass es eine allumfassende Plattform gibt, die sämtliche Kundenanforderungen abdeckt. Wir haben das in der Vergangenheit gesehen mit Daten, Integrationsplattformen, mit Prozessautomatisierung, BPM-Plattformen etc. Das heißt, SAP hatte immer eigene Angebote. Aber man kann nicht davon ausgehen, dass man überall der Beste ist. Es wird immer Spezialisten geben, die gewisse Dinge einfach besser machen. Und diese Vielfältigkeit brauchen wir. Und deswegen glaube ich, dass es eine hybride Landschaft geben wird. Ein SAP-Kunde wird SAP einsetzen für gewisse Standards. Er wird aber auch Custom Agents haben. Und bei den Custom Agents, da kommt es auf den Schwerpunkt des Kunden an, von welcher Seite er das Thema Agents angeht. Je nachdem kann eine Plattform besser passen als die von SAP.
E3 : Wenn ich mir aber die aktuelle Entwicklung anschaue mit dem neuen Papier von SAP zur API Policy, sehe ich einen monolithischen Trend, oder?
Jost: Auf der einen Seite verstehe ich, dass SAP sagt, wir können nicht jeden beliebigen Entwickler mit jeder beliebigen Plattform gegen unsere APIs entwickeln lassen. Da kann man auch viel Unfug treiben, weil ein SAP-ERP ein integriertes System ist – das hat eine integrierte Governance, das hat ein integriertes Datenmodell. Wir können hier nicht Wilder Westen spielen und jeder macht, was er will. Aber der zweite Schritt muss dann kommen. Und der zweite Schritt ist, dass SAP sich eine Governance überlegt. Dann muss die Tür wieder aufgehen, denn der Closed Shop für die erste Phase ist okay. Ein „Closed Shop forever“ wäre ein Armutszeugnis und wäre entgegen den Kundeninteressen. Man muss immer noch sagen: Der Kunde bezahlt die Party!
E3 : Viele SAP-Anwender bekennen sich zur BTP – das Preismodell ist komplex, oder?
Jost: Ich denke, technisch gesehen werden die SaaS-Anbieter nicht verschwinden, denn die haben eine riesige Kundenbasis und diese Basis hat ein integriertes Backend. Was im Frontend passiert, ist eine andere Geschichte. Aber zur Frage „Überleben die oder nicht?“: Sie werden überleben. Wird die SAP noch 28 Prozent Marge haben oder wird sie nur 12 haben? Ich denke, das ist die Frage aller Fragen. Wie stark ist dieses ERP-Modell, wenn die Agents mal am Werk sind? Wie markenrelevant ist dieses ERP-Businessmodell?
E3 : Wie verkaufen Sie Ihre Plattform? Über welches Lizenzmodell?
Jost: Unsere Plattform dient dazu, Prozessagenten zu entwickeln. Das heißt, wir verkaufen an Softwareentwickler, die bauen Agents. Wir sind eine Ebene tiefer. Das heißt, uns trifft das nicht in der Form, sondern es trifft primär die Anbieter von Standardsoftware, speziell von den cloudbasierten SaaS-Anwendungen.
E3 : Sie haben zuerst ein ganz wichtiges Buzzword genannt: Compliance. Wie gehen Sie damit um, sodass KI-Agenten nicht verrücktspielen?
Jost: Da kann man viel tun. Und ich denke, das ist auch die Hauptthematik, die ich momentan bei diesen Agents sehe. Wie kriege ich sie unter Kontrolle? Wenn ich nicht weiß, was das Ding tut, ist das nicht realisierbar. Und deswegen gibt es viele neue Ansätze, die dazu dienen, diese Agents in gewisse Schranken zu weisen. Man versucht diese nicht deterministischen Systeme immer mehr deterministisch zu machen. Das widerspricht sich ein bisschen. Es gibt das Context Engineering. Und ein Context Window ist begrenzt. Je mehr da drin ist, desto schlechter wird das Ergebnis. Es gilt, das Context Window so klein wie möglich zu halten. Es ist ein Schritt, die Performance der Agents besser zu machen. Das andere nennt man Harness Engineering. Das ist ein neuer Begriff, wo man sagt, die Modelle sind nicht so wichtig, sondern das Ranking der Modelle ist das Wichtige. (Siehe auch Kasten auf dieser Seite.)
E3 : Was kann damit erreicht werden?
Jost: MCP-Server sind da das Maß aller Dinge. (Anm. d. Red.: Ein Model-Context-Protocol-Server (MCP) fungiert als standardisierter Anschluss für KI. Er ermöglicht es agentenbasierten LLMs, sicher und dynamisch auf externe Tools, APIs und Datenquellen zuzugreifen, ohne dass für jedes einzelne System eine eigene, manuell programmierte Integration erforderlich ist.) Spannend wird sein, ob SAP einen MCP-Server anbieten wird, das ist für mich eine große Frage. Und dann gibt es Skills, normale Textdatei, wo Instruktionen beschrieben werden. Diese Textdateien können geladen und wieder entladen werden. Das heißt, die Skills: Context Engineering, Harness Engineering etc. Alle diese Dinge dienen dazu, die Modelle einzufangen, sodass sie noch ihre Flexibilität behalten, aber sicherstellen, dass sie keine Dinge tun, die der ERP-Anwender nicht will. Das sieht zwar spaßig aus, aber keiner wird das in seinem Unternehmen tolerieren. Die KI-Modelle gilt es auf Schiene zu bringen. Wir wollen aber nicht, dass sie nur auf Schienen fahren, denn dann können wir es auch sein lassen.
E3 : Wenn ich Dr. Wolfram Jost als Wissenschaftler frage: Welche Chancen gibt er den Methoden, Algorithmen zu finden, um ohne Gefahr auf Schiene zu sein?
Jost: Ich meine, was am weitesten fortgeschritten ist, ist die Codegenerierung. Diese Agents sind die besten Agents, die es momentan gibt. Und die haben es geschafft – über Harness Engineering, über Context Engineering, über diese Skills –, dass sie wie auf Schienen fahren, aber trotzdem ihre Kreativität und ihre Generierung beibehalten. In diesen Skills kann man auch Governance festlegen. Da kann man Unternehmensregeln festlegen und da kann man dem Modell sagen: Da sind deine Grenzen. Man kann da noch Human Touch reinbringen, wenn dann der Punkt kommt, fragt das System auch. Das ist ja eine spektakuläre Entwicklung. Auch bei uns gibt es keinen Entwickler mehr, der keinen Coding Agent einsetzt. Ich denke nicht, dass ein schlechter Entwickler durch einen Coding Agent ein guter wird. Aber ich denke, dass gute Entwickler durch den Coding Agent noch bessere Entwickler werden. Wenn du das Talent hast, dann kannst du mit diesen Agents schneller werden, effizienter werden und besser werden.
E3 : Merci pour cette conversation.
AI Harness
In der Zeit von 2026 bis 2030 werden voraussichtlich mehr IT-Experten als gewöhnlich aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Stammwissen ist per Definition nicht im Abap-Code enthalten. Es ist sowohl für KI-Modelle als auch für Agentic AI unmöglich, Informationen zu finden, die nicht explizit im Text erwähnt werden, unabhängig von der Größe des Kontextfensters. Ohne eine strukturierte Grundlage in Form von Tests, die gewünschtes Verhalten festhalten, Beschreibungen der Module und ihrer Abhängigkeiten sowie Glossaren, die Fachbegriffe zugänglich machen, ist es selbst für die besten KI-Modelle sehr schwierig. Diese Grundlage wird als AI Harness bezeichnet und muss gezielt entwickelt werden. Die einzige Möglichkeit, KI auf einem gewachsenen System effektiv einzusetzen, ist daher der unbequeme und manuelle Weg. Der Aufbau von Harness sollte erfolgen, solange das nötige Stammwissen noch vorhanden ist. Ohne eine entsprechende Vorverarbeitung ist es für LLMs nicht möglich, Geschäftslogik vom Hilfscode zuverlässig zu trennen. Agentic Coding auf ECC-Systemen funktioniert nur mit Harness. Im Kontext von künstlicher Intelligenz bezeichnet Harness (auf Deutsch: Halterung, Gurt oder Rahmenwerk) die gesamte Software-Infrastruktur, die um ein KI-Sprachmodell herum aufgebaut wird. Es fungiert als ein „Gerüst“ oder ein „Maschinenraum“, der die KI befähigt, Aufgaben in der realen Welt zuverlässig zu erledigen.



