Interview: The Next ERP
E3: Herr Schumann, in den vergangenen Monaten nahm das Thema Low-Code beziehungsweise No-Code deutlich Fahrt auf. Warum greift Tangro nun dieses doch sehr technische Thema auf? Fürchten Sie nicht, zu spät zu kommen?
Andreas Schumann, Tangro: Das Thema Low-Code beziehungsweise No-Code hat ja das Ziel, Software schneller, einfacher, qualitativ besser und mit weniger personellen Ressourcen zu entwickeln. Mangels auf dem Markt verfügbarer IT-Experten und wegen eines steigenden Bedarfs der Unternehmen, Software zum Ziel der Prozessoptimierung selbst zu entwickeln, macht das sehr viel Sinn. Was den Zeitpunkt betrifft, Softwareentwicklung neu zu denken, waren wir unserer Zeit jedoch weit voraus.
E3: Inwiefern? Ich habe Tangro bisher als Spezialisten für den Dokumenteneingang wahrgenommen.
Schumann: Schon mit der Gründung der Firma Tangro im Jahr 1998 war klar, dass die Basis aller zukünftigen Entwicklungen die Tangro-Plattform sein würde, mit der Anwendungen schneller, einfacher, qualitativ besser, mit möglichst wenigen Entwicklern erstellt werden können – das Ganze, so weit wie möglich, ohne Programmierkenntnisse.
E3: Also, Low-Code-Pionierarbeit, oder?
Schumann: Die Tangro-Plattform hatte damals schon sehr viel Ähnlichkeit mit den heutigen Low-Code-Ansätzen. Ich spreche bewusst nicht von No-Code-Anwendungen. Ich halte von dem Begriff No-Code sehr wenig. Natürlich kann man sehr einfache Anwendungen auch mit einer No-Code-Plattform entwickeln. Die Welt der Betriebswirtschaft ist aber nicht einfach, sondern sehr komplex. Jeder, der mit SAP oder einer anderen etablierten ERP-Suite arbeitet, weiß, wovon ich spreche.
E3: Das heißt, die Tangro Inbound Suite wurde mit dieser Plattform entwickelt?
Schumann: Richtig. Alle Tangro-Produkte wurden auf Basis der Tangro-Plattform entwickelt. Produkte, die nach dem Rechnungseingang kamen, wie der Dokumenteneingang für Auftragsbestätigung, Lieferschein und Dispatch Advice, wurden jeweils in maximal vier Wochen erstellt.
E3: Diese Entwicklungsgeschwindigkeit ist sehr beeindruckend. Aber hier handelt es sich um auf den Dokumenteneingang spezialisierte Anwendungen. Wie offen ist die Plattform für andere betriebswirtschaftliche Anwendungen?
Schumann: Vor etwa sieben Jahren stellte sich die Frage, mit welchem ERP-System wir bei Tangro unsere Geschäftsprozesse abbilden wollen. Nach kurzer Überlegung und der Erkenntnis, dass es auf dem Markt wenig Passendes für einen Softwarehersteller wie Tangro gibt, habe ich mich entschieden, ein ERP-System auf Basis der Tangro-Plattform zu entwickeln, welches unsere Anforderungen und Geschäftsprozesse exakt abbildet.
E3: Die Idee, sich selbst am Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, oder?
Schumann: Natürlich. Dabei spielte der Gedanke eine Rolle, den Beweis anzutreten, wie leistungsfähig die Plattform ist, ebenso wie die spätere Vermarktung des so entstandenen ERP-Systems. Nicht zuletzt war die Erwartung, dass die Anforderung durch ein ERP-System die Plattform deutlich voranbringen würde. Das so entwickelte ERP-System ist seit Jahren produktiv im Einsatz und erleichtert allen Beteiligten das Leben. Die Plattform hat von dieser Entwicklung enorm profitiert.
E3: Wie lang dauerte die Entwicklung des ERP-Systems?
Schumann: Wie gesagt begannen wir vor etwa sieben Jahren. Entwickler war ein ehemaliger Student der Sportwissenschaften mit Schwerpunkt Betriebswirtschaft. Nach zwei Jahren kam noch ein Entwickler hinzu. Inzwischen sind es sechs Mitarbeiter, eine Mitarbeiterin kümmert sich um die Dokumentation, eine um die Erkennungslogik, um die Erkenntnisse aus der Inbound Suite zu nutzen und zu erweitern. Die Anbindung an Word, um Angebote vernünftig aus dem ERP-System drucken zu können, machte u. a. ein weiterer Entwickler, eigentlich Plattformarbeit, denn Druckfunktionen stehen nun allen zur Verfügung, wie immer ohne Programmierkenntnisse nutzbar.
E3: Und wie leistungsfähig ist Ihr ERP?
Schumann: Das von uns genutzte ERP-System enthält weit über 200 Transaktionen! Darunter auch solche, die das Abwesenheitsmanagement betreffen, die gerade aktuelle elektronische Arbeitsunfähigkeitsabwicklung, kurz gesagt eAU, ein höchst aussagefähiger Liquiditätsplan und sowohl die Einkaufs- als auch die Verkaufsseite vom Angebot bis zur automatischen Anlage von Softwarepflege-Belegen. Insgesamt bedeutet dies eine Investition von etwa dreißig Entwicklungsjahren. Wenn man bedenkt, dass bei der Entwicklung von SAP Business by Design Hunderte von Entwicklern beteiligt waren, sicherlich über mehr als sieben Jahre, ist dies unfassbar schnell. Und wir haben das Ende der Plattformoptimierung noch nicht erreicht.
E3: Danke für das Gespräch!